Die neuen EU-Chefs
Mannschaft mit Makeln

Die Entscheidung ist gefallen: Mit dem Polen Donald Tusk rückt ein überzeugter Europäer und erfolgreicher Premier an die Spitze der EU. Englisch muss er allerdings noch lernen.
  • 0

BrüsselDie neue Führung der EU steht: Polens Ministerpräsident Donald Tusk führt ab dem 1. Dezember den Europäischen Rat der EU-Regierungschefs. Die italienische Außenministerin Federica Mogherini wird bereits am 1. November neue EU-Beauftragte für Außenpolitik. Das haben die EU-Regierungschefs – überraschend zügig – entschieden. Bereits vor der Sommerpause hatten die Chefs den Luxemburger Jean-Claude Juncker zum EU-Kommissionspräsidenten berufen. Und das Europaparlament wählte den deutschen Sozialdemokraten Martin Schulz für weitere zweieinhalb Jahre zu seinem Präsidenten. Nun ist das Team komplett.

Der EU ist es also nach einigem Hin und Her doch gelungen, die europäischen Top-Jobs fristgerecht zu besetzen. Eine von vielen befürchtete monatelange Hängepartie wurde vermieden. Das ist gut so, denn eine Führungskrise kann sich Europa jetzt wirklich nicht leisten. Schließlich gibt es genügend andere Probleme: In unserer Nachbarschaft häufen sich brandgefährliche Konflikte – von der Ukraine über Syrien bis nach Libyen. Und der europäischen Wirtschaft droht eine erneute Rezession. Der Aufschwung scheint zu Ende zu gehen, bevor er überhaupt richtig angefangen hat.

Große Probleme rufen nach großen Staatsmännern und –frauen. Der Pole Tusk passt in dieses Format. Er führte sein Land erfolgreich durch die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit und zugleich näher an die EU heran. Und er schaffte es als einziger polnischer Premier seit sehr langer Zeit, wiedergewählt zu werden. Dass ein Jahrzehnt nach der Osterweiterung erstmals ein Osteuropäer in der EU in eine führende Stellung kommt, kann man auch nur begrüßen. Einen Makel hat Tusk allerdings: Das in der vielsprachigen EU unverzichtbare Englisch muss er bis zu seinem Amtstritt im Dezember noch lernen.

Was die Italienerin Mogherini betrifft, hat die EU sich für eine kleine Lösung entschieden. In der internationalen Politik ist Mogherini ein unbeschriebenes Blatt. Das Außenministerium ihres Landes übernahm sie erst vor einem guten halben Jahr. Ob die 41-Jährige über die Autorität verfügt, Konflikte wie in der Ukraine, in Syrien oder in Libyen schlichten zu helfen, bleibt abzuwarten. Viele Brüsseler Beobachter bezweifeln es.

Im Vergleich zu ihrer – nach wie vor höchst umstrittenen – Vorgängerin Catherine Ashton hat die Italienerin allerdings zwei Vorteile. Sie weiß sich besser zu verkaufen als die extrem öffentlichkeitsscheue Britin. Und sie hat die Regierung des großen EU-Staates Italien im Rücken. Die Labour-Politikerin dagegen stand ohne britischen Rückhalt da, seit ihre Partei in London die Macht verlor.

Die neue Führungsmannschaft der EU ist nicht frei von Makeln. Vorverurteilungen hat sie aber nicht verdient. Erst muss die Arbeit beginnen, danach kommt deren Bewertung.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel

Kommentare zu " Die neuen EU-Chefs: Mannschaft mit Makeln"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%