Die Toten von Utøya
Norwegen kommt nicht zur Ruhe

Die Insel Utøya ist für die Norweger ein Ort des Terrors. Selbst sechs Jahre nach dem Massaker scheint das Trauma noch nicht überwunden, denn der rechtsradikale Massenmörder versteht sich darauf, alte Wunden aufzureißen.
  • 0

StockholmEin Land kommt nicht zur Ruhe. Heute vor genau sechs Jahren geschah in dem sonst so beschaulichen Land im Norden Europas etwas, das Norwegen bis jetzt nahezu tagtäglich beschäftigt. Der rechtsradikale Anders Behring Breivik ermordete am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der kleinen Insel Utøya 77 Menschen. Es war das größte Massaker, das das Land seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Zunächst tötete der Massenmörder mit einer Autobombe acht Menschen im Regierungsviertel der Hauptstadt. Dann zog er weiter und erschoss 69 zumeist junge Menschen auf der nur eine gute Autostunde entfernt gelegenen Insel Utøya. Sechs Jahre, einen Prozess und unzählige Tränen der Angehörigen später ist die unfassbare Tat noch immer ein Trauma für Norwegen.

Zum sechsten Mal finden nun Gedenkfeiern in Oslo und auf Utøya statt. Und immer wieder taucht die berechtigte Frage nach dem „Warum?“ auf. Eine Antwort darauf gibt es bis heute nicht. Der verurteilte Massenmörder führte während des Prozesses gegen ihn krude Gedanken zur drohenden Islamisierung der westlichen Welt an. Er machte die Sozialdemokraten, die das Land viele Jahre regiert hatten, für eine „Moslemisierung“ Norwegens verantwortlich. Deshalb ließ er die Autobombe im Regierungsviertel detonieren und verübte den Massenmord auf Utøya, wo die Jugendorganisation der Sozialdemokraten ein Sommerlager abhielt.

Immer, wenn die offenen Wunden ganz langsam zu verheilen scheinen, reißt er sie wieder auf: Schon zweimal klagte der zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilte Breivik vor Gericht gegen den Staat Norwegen gegen die seiner Meinung nach „unmenschlichen Haftbedingungen“. Unmenschlich, weil er seit Jahren in Isolationshaft sitze, keinen Besuch empfangen dürfe, nicht einmal Kontakt zu den Mithäftlingen habe. Sein Anwalt sprach von einer „erniedrigenden Behandlung“, die gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoße. Auch wenn das Gericht in den meisten Punkten dem Staat Norwegen Recht gab, waren diese Prozesstage für viele Norweger unerträglich. Auch, weil der Massenmörder keinerlei Reue zeigte und mehrfach den Gerichtssaal mit dem Hitlergruß betrat.

Genauso unerträglich empfanden viele das Gerangel um ein Denkmal für die Opfer des Massakers. Der Schwede Jonas Dahlberg gewann im vergangenen Jahr einen Künstlerwettbewerb mit seiner „Wunde der Erinnerung“. Gegenüber der Insel Utøya, so sah es sein spektakulärer Entwurf vor, wollte er am Ufer eine kleine Landzunge durch einen dreieinhalb Meter breiten Graben abtrennen und so eine neue, kleine Insel schaffen. Auf der sollten die Namen der Ermordeten stehen. Für Besucher wäre das abgespaltene Stück Land wegen des durch den Felsen gesprengten Grabens nicht erreichbar gewesen. So wollte Dahlberg den unumkehrbaren Verlust symbolisieren. Der bis unter die Wasseroberfläche reichende Graben sei als Einschnitt zu verstehen, erklärte damals der Künstler, als Einschnitt im Leben vieler Norweger.

Seite 1:

Norwegen kommt nicht zur Ruhe

Seite 2:

Regierung stoppt Bau von Gedenkstätten

Kommentare zu " Die Toten von Utøya: Norwegen kommt nicht zur Ruhe"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%