Drei Szenarien für Griechenland
Zwischen Chaos und Grexit

Rettung in letzter Sekunde oder Chaos in der EU und Griechenland? Die Chancen für Premier Tsipras schwinden, Griechenland vor dem Grexit zu bewahren. Wie könnte es ausgehen? Das Handelsblatt nennt drei Szenarien.
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BerlinWie geht es weiter mit Griechenland – und zu welchem Preis? Schuldenschnitt, drittes Hilfspaket, Grexit, neue Hilfsgelder – viele Optionen liegen auf dem Tisch, werden wieder verworfen und wieder aus der Mottenkiste geholt. Kommt es zur Einigung oder zum Chaos – das Handelsblatt beleuchtet die drei möglichen Szenarien zur Griechenland-Rettung:

Szenario 1: Rettung in letzter Sekunde: Regierungschefs beschließen Verhandlungen über Hilfsprogramm

Bisher hat Griechenlands Premier Alexis Tsipras die übrigen 18 Regierungschefs der Euro-Zone häufig vor den Kopf gestoßen. Zuletzt vor allem mit seinem Referendum, in dem er die Griechen zu einem „Nein“ zum Hilfsprogramm und dessen Reformauflagen verleitete. Überrascht Tsipras seine Partner heute das erste Mal positiv? Gerade in der Bundesregierung ist man da skeptisch.

Schließlich könne Tsipras nach dem Referendum schlecht Zugeständnisse machen, die er schon vorher abgelehnt hat. Seine Lage sei durch die Erwartungen der griechischen Bevölkerung noch schwieriger geworden, so die Einschätzung in Berlin. Andererseits wird die Situation in Griechenland immer dramatischer. Die Banken sind nun über eine Woche geschlossen. Ohne Aussicht auf ein neues Hilfsprogramm können sie kaum wieder öffnen.

Möglicherweise ist Tsipras deshalb bereit, doch noch die Reform- und Sparauflagen zu akzeptieren. Allerdings bräuchte er dafür ein Zugeständnis der Geldgeber, das er zu Hause als Sieg verkaufen kann. Das wären wohl am ehesten Erleichterungen beim Schuldendienst.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat vorgeschlagen, die bisher gewährten Hilfskredite der Euro-Staaten für weitere zehn Jahre zu stunden. Griechenland müsste dann erst ab 2030 tilgen. Zudem soll die Laufzeit der Kredite noch mal deutlich verlängert werden – auf 40 Jahre.

Viele Euro-Staaten, vor allem Deutschland, wollen solche Zugeständnisse aber nicht so einfach machen. Wenn überhaupt, verlangen sie, dass zunächst Tsipras die geforderten Reformen umsetzt. Angesichts des drohenden Grexits zeigt sich Frankreich mittlerweile allerdings nachgiebiger. Premier Manuel Valls sagte am Dienstagmorgen, eine Umschuldung dürfe „kein Tabuthema“ sein.

„Frankreich ist überzeugt davon, dass wir einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone nicht riskieren können“, sagte Valls. Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker warnte, dass es einen Grexit nicht geben dürfe.

Es scheint bisher unwahrscheinlich, aber eine Restchance besteht: Die Euro-Regierungschefs einigen sich heute mit Tsipras darauf, Verhandlungen über ein drittes Rettungsprogramm aufzunehmen. Dann bliebe allerdings noch eine entscheidende Hürde.

In sechs Euro-Staaten müssen die Parlamente einem weiteren Hilfspaket zustimmen. In Deutschland müsste der Bundestag Finanzminister Wolfgang Schäuble sogar ein Mandat erteilen, damit dieser überhaupt offiziell verhandeln darf. Gerade in der Unionsfraktion gibt es aber starken Widerstand. Das Vertrauen in Tsipras und seine Regierung tendiert dort gegen Null.

Zudem interpretieren viele in der Bundesregierung und der Großen Koalition den Ausgang des Referendums als generelle Absage an die Logik der Euro-Rettungsprogramme, die im Gegenzug für Hilfe immer strengere Reformauflagen vorsehen. Merkel müsste deshalb große Überzeugungsarbeit in Berlin leisten, wenn es doch noch zu einem dritten Hilfsprogramm kommen soll.

Kommentare zu " Drei Szenarien für Griechenland: Zwischen Chaos und Grexit"

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  • Völker dieser Welt schaut auf Griechenland und kommt endlich zur Vernunft.
    Nicht Griechenland ist Schuld an dieser Krise, sondern die Institutionen vorher auch Troika genannt. Austerität hat noch nie auf der Welt funktioniert, und führte immer wieder zu mehr Elend und Arbeitslosigkeit. Dass musste schon Deutschland unter Brünning schmerzhaft erfahren, was letztendlich ja auch in die Katastrophe führte.

    Warum also weigert sich Deutschland vehement, Griechenland zu den gleichen Konditionen, wie einst Deutschland bei der Londoner Schuldenkonferenz 1953 zu helfen? Es scheint so, als hätten die internationalen Gläubiger 1953 aus der Geschichte gelernt, im Gegensatz zu Deutschland heute? Sonst wäre wohl damals wieder Austerität verordnet worden, da hatte Deutschland aber wirklich noch einmal Glück gehabt. Gut das die internationalen Gläubiger ihre Ideologie damals beiseite geschoben haben, und so einen Neuanfang für Deutschland und Europa zu ermöglichen.

  • Der Mann ist übrigens „Deutscher Finanzminister“, und sagte 2010

    Schausten/ZDF: Kein Experte rechnet damit, dass Griechenland diese Schu.../Kredite jemals zurückzahlt.

    Schäuble: Doch, das ist genau der Sinn des Sanierungsprogramms über das mit Griechenland jetzt verhandelt wird. Und der IWF hat gesagt, wir haben dass schon öfters gemacht und wir haben es immer erreicht. Es kann kürzer oder länger dauern, es wird diesem Land große Anstrengungen nicht ersparen können, aber es führt kein Weg daran vorbei.

  • Ach Frau Emmerich, das ist der Preis der Meinungsfreiheit.
    Da darf auch jeder Depp "seine" Meinung kundtun - auch wenn er das vorzugsweise mit copy&paste macht.
    Die Leute, die sich gerne sachlich austauschen möchten, sind hier leider schon lange nicht mehr zu finden.

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