„Dritten Weltkrieg“
Rhetorische Reflexe

Mit seiner Warnung vor einer Eskalation des Atomkonflikts mit Iran bis hin zum „Dritten Weltkrieg“ nährt US-Präsident George W. Bush Spekulationen über einen Militärschlag gegen Teheran. Gleichzeitig versucht Russland, mit Kritik an Washington in der Region zu punkten.

WASHINGTON. Während der eine Teheran mit Geheimvorschlägen überraschte, übte sich der andere in Säbelrasseln. In seinem Gespräch mit dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei machte der russische Präsident Wladimir Putin – bislang unbestätigte – Vorschläge in der Atomfrage. US-Präsident George W. Bush dagegen warnte in Washington vor einem Dritten Weltkrieg. Die hilflosere Geste war jene in Washington. Dort ist man alarmiert, dass sich die Dynamik im Iran-Konflikt nun weg von den USA bewegen könnte.

Ein Dialog sei „immer produktiver und der kürzeste Weg zum Erfolg als eine Politik der Drohungen und Sanktionen oder gar der Plan, Gewalt einzusetzen“, sagte Putin gestern mit Blick auf seinen Besuch am Dienstag in Teheran – und stellte sich damit diametral gegen die US-Position. Denn Washington beharrte stets darauf, „dass alle Optionen auf dem Tisch“ seien, sollte Teheran in der Nuklearfrage nicht einlenken. Die Debatte über eine mögliche Militäroperation gegen Iran wird deshalb mit mal mehr, mal weniger Verve in den USA geführt. In der Substanz allerdings hat sie außer Wiederholungen und Spekulationen wenig zu bieten.

Zuletzt brachte dies Jessica Mathews, Präsidentin der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden, auf den Punkt. In einer Anhörung vor dem außenpolitischen Komitee des Repräsentantenhauses sagte sie vor wenigen Tagen: „Ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir Iran angreifen, denn die Argumente dagegen sind so überwältigend offensichtlich. Ein Krieg wäre eine Katastrophe für die USA.“ Dann zählte sie die bekannten Gründe auf: nicht ausreichende Kenntnis über die Standorte der iranischen Atomanlagen; zu wenige US-Bodentruppen in der Region, um Luftschläge zu unterstützen; Gefahr einer Welle schiitischen Terrorismus, wo man doch gerade mühsam dabei ist, den sunnitischen Terror einzudämmen. Und schließlich sagte Mathews: „Noch wissen wir nicht 100-prozentig, ob sich Teheran tatsächlich für die Atombombe entschieden hat.“

Nur: Bei aller Rationalität bleibt ein nicht geringes Rest-Unbehagen, da der Bush-Regierung stets zugetraut wird, gegen alle Wahrscheinlichkeit zu operieren. Nicht verebben wollen daher die Meldungen über einen anhaltenden Machtkampf zwischen Vizepräsident Dick Cheney und Außenministerin Condoleezza Rice. Cheney wolle Bush von einem Militärschlag überzeugen, Rice halte dagegen. Die Außenministerin, unterstützt von CIA-Direktor Michael Hayden und Verteidigungsminister Robert Gates, schickt ihren Staatssekretär Nicholas Burns um die Welt, damit dieser die Anti-Iran- Front zusammenhält. Das Kalkül: Solange Iran über Sanktionen unter Kontrolle gehalten werden kann, so lange bleiben auch dem Cheney-Lager die Hände gebunden.

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