Drogenprobleme im Jemen
Durstig und tödlich

Weil sie mit der Droge Khat mehr Geld verdienen als mit dem Anbau von Getreide, pflanzen jemenitische Bauern vor allem die Sträucher der Droge an. Für den Wüstenstaat ist das eine fatale Entwicklung. Denn die Pflanze benötigt viel Wasser - und das könnte dem Jemen bald schon ausgehen.

SANAA. Gäbe es so etwas wie eine Nationalpflanze im Jemen - es wäre dieser Strauch. Brasilien hat Zuckerrohr und Soja, die USA haben Weizen, der Jemen hat Khat. In engen Reihen stehen die immergrünen Gewächse vor dem kleinen Bergdorf Beit Ghufr in der Nähe von Amran. Ihre Blätter leuchten in der grellen Mittagssonne und machen den Ort zu einer Oase in der ausgedörrten Landschaft. Männer balancieren auf hohen Leitern und pflücken die jungen Triebe von den Zweigen.

Das Khat, das hier geerntet wird, ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Ein Segen, weil es vielen Bauern die Existenz sichert. Ein Fluch, weil die Alltagsdroge das arme Land, das im Entwicklungsindex der Uno nur auf Platz 153 von 177 rangiert, lähmt.

Khat wirkt, wenn man lange genug darauf herumkaut, ähnlich wie viele Tassen Kaffee oder Tee. Das Herz schlägt schneller, die Droge euphorisiert und löst die Zunge. Darum schieben sich vor allem die Männer ab dem frühen Nachmittag die grünen Blätter in die Wange. Doch wer ganz mit dem Khat-Kauen beschäftigt ist, der arbeitet nicht mehr viel. Außerdem verdrängt der Strauch Getreide und Gemüse von den Feldern und macht das gebirgige Agrarland noch abhängiger von teuren Nahrungsmittelimporten. Khat ist aber vor allem eine sehr durstige Pflanze. Ihr Anbau verschärft damit ein Problem, das für den Jemen schon in absehbarer Zeit eine Frage auf Leben oder Tod sein wird - den chronischen Wassermangel.

Die Lebensmittelkrise, die beim Welternährungsgipfel in Rom im Mittelpunkt stand, könnte zwar ein Umdenken bewirken. Denn mit steigenden Getreidepreisen lohnt es sich für die Bauern wieder eher, statt Khat Weizen oder Mais anzubauen. Doch noch ist es nicht so weit, und im Jemen, das wissen auch die Experten, brauchen Einsichten viel Zeit.

Im Kopf von Hameed Rasheed Al-Malat sind sie jedenfalls noch nicht angekommen. Ihm und seiner Familie gehört das Khat-Feld vor dem kleinen Bergdorf. 300 000 bis 400 000 Rial bringe es im Jahr ein, etwa 1 000 bis 1 300 Euro, erzählt der 61-Jährige. Unter seiner Jacke trägt er das traditionelle weiße Hemd, das bis zu den Waden reicht, im Gürtel steckt der Djambia, der Krummdolch, ohne den in dieser Gegend kein Mann, der etwas auf sich hält, das Haus verlässt.

300 000 Rial im Jahr sind kein schlechter Verdienst, ein Lehrer bekommt kaum mehr. Weizen baut Rasheed zwar auch an, aber nur für sich und seine Familie. Denn Khat bringt deutlich mehr ein als Getreide oder Gemüse. Jeden dritten Rial erwirtschaften Jemens Bauern heute mit dem Anbau der Alltagsdroge, wie die Weltbank in einer Studie schreibt.

Bis in die 1960er-Jahre war Khat, das ursprünglich aus Äthiopien stammt und in anderen arabischen Ländern streng verboten ist, ein gelegentlicher Zeitvertreib vornehmlich für die Reichen. Heute müssen die Bauern ihre Abnehmer nicht lange suchen. Laut Weltbank kauen drei von vier Männern und jede dritte Frau Tag für Tag. Beim Bummel über den Suq, den traditionellen Markt in Sanaa, sieht man kaum einen Händler ohne die golfballgroße Beule in der Wange, in der die Khat-Kugel ruht. Und stehen an einer Weggabelung oder einer Straßenecke auffällig viele Männer beisammen, dann handelt es sich fast immer um einen improvisierten Khat-Markt.

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