Ein Anschlag gilt vielen Briten als unausweichlich
In der Londoner City geht die Angst um

Die Londoner haben Angst. Seit U-Bahn-Benutzer mit Plakaten zur Wachsamkeit aufgefordert werden, wird öfter Alarm geschlagen. Die Angst ist zum Politikum geworden.

LONDON. Tief in der Londoner Underground zwischen „Angel“ und „King’s Cross“: An einer Doppeltür steht ein junger dunkelhäutiger Mann, Bart, schwarzes Sweatshirt, Rucksack, in der Hand ein Buch mit arabischer Schrift. Sacht wiegt er sich im Rhythmus seiner Gebete. „Ich war starr vor Entsetzen“, erzählt Fahrgast Tony Drury den Vorfall in der „Times“. „Hätte ich andere Passagiere um Hilfe bitten sollen? Ihn zu Boden werfen und seinen Rucksack nach einer Bombe durchsuchen? Ich wäre wegen Körperverletzung angeklagt worden.“

Die Londoner haben Angst. Seit U-Bahn-Benutzer mit Plakaten zur Wachsamkeit aufgefordert werden, wird öfter Alarm geschlagen. Kürzlich wurde morgens die Euston-Station gesperrt und ein halber Kilometer Straße dazu. Erst nach anderthalb Stunden war das verdächtige Fahrzeug vor dem Bahnhof abgeschleppt. Die Menschen bemühen sich um Normalität. „Wir müssen doch zur Arbeit gehen“, sagt Dorothy auf dem Waterloo-Bahnhof. Täglich fahren rund drei Millionen Menschen mit Zug oder U-Bahn in die City.

Die Angst ist zum Politikum geworden. Nach Meinung von Innenminister David Blunkett ging Polizeipräsident John Stevens zu weit, als er einen Terroranschlag jüngst als „unvermeidlich“ bezeichnete. „Wir müssen das Gleichgewicht wahren zwischen der Wahrheit und der Notwendigkeit, den Menschen Sicherheit zu geben“, so Blunkett. Es sei sinnlos, die Menschen ohne Zweck nervös zu machen. Beruhigend wirkte das nicht. Fast trotzig – und widersprüchlich verklausuliert – wiederholte der Polizeichef seine Warnung gestern: „Es ist unvermeidlich, dass irgendeiner mit einem Anschlag durchkommt. Meine Aufgabe ist es, das zu verhindern.“

Bislang mit Erfolg. Am Dienstag nahmen rund 700 Polizisten bei Antiterror-Razzien in London acht Verdächtige fest. „Mit der IRA hat es nichts zu tun“, ließ der Polizeisprecher durchblicken. In der Boston Road in Hanwell wurde in einem Lagerhaus eine halbe Tonne Ammoniumnitrat sichergestellt – Kunstdünger, den Terroristen auch für Bomben in Bali und Istanbul verwendeten. Sieht man sich die Orte der Razzien auf der Karte an, bilden sie einen Ring um London: Uxbridge, Crawley, Luton, Redbridge.

Auch die coolsten Londoner machen seit Madrid keine Witze über Terrorismus mehr. 95 Prozent halten einen Anschlag für unvermeidlich. Nun wird diskutiert, wie viel Terrorabwehr man sich gefallen lassen soll. Eine schwimmende Barriere vor dem Parlament auf der Themse? Vielleicht. Eine vier Meter Mauer mit Stacheldraht um das Regierungsviertel? Geht zu weit. 16 Millionen Pfund, um die Videoüberwachung der Bahnhöfe noch perfekter zu machen? Kein Problem.

Doch am Wochenende ist das Westend voll wie immer. Die Sprecherin der London Theatre Society bestätigt, dass die Publikumszahlen nicht zurückgehen. „Touristen bleiben aus. Aber das machen wir mit Sonderwerbung für Londoner wett. Die sehen das wie wir: The show must go on.“

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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