Energiepolitik
Iran schiebt Mega-Projekte an

Ölminister Nozari kündigt riesige Investitionen an und will Irans Anteil am Weltmarkt für Öl und Gas ausbauen. Explizit lädt der Minister ausländische Unternehmen ein, an diesen Projekten teilzunehmen.

MADRID/BERLIN. Iran will mit einem massiven Investitionsprogramm seinen Anteil am Weltmarkt für Öl und Gas ausbauen. Energieminister Gholam-Hossein Nozari kündigte auf dem Weltöl-Kongress in Madrid Investitionen in Öl- und Gasfelder, Pipelines und Raffinerien im Volumen von Hunderten Milliarden Dollar an. Er lud ausländische Konzerne zur Teilnahme an Projekten ein. Zugleich kündigte er an, die Privatisierung der Energiebranche voranzutreiben. Internationale Wirtschaftssanktionen gegen das Land lassen einen Andrang westlicher Konzerne trotz der enormen Energiereserven als zweifelhaft erscheinen - aber Russland, China und Indien stehen bereit.

Iran verfügt nach eigener Einschätzung über ein Sechstel der weltweiten Öl- und Gasreserven. Mit Ölreserven von 138 Mrd. Barrel (je 159 Liter) sieht sich das Land auf dem zweiten Platz hinter Saudi-Arabien. Die US-Energiebehörde EIA führt Iran hinter Kanada auf Rang drei. Die Gasreserven beziffert Iran auf 28,1 Bill. Kubikmeter. Das bedeutet Platz zwei hinter Russland, in Übereinstimmung mit den EIA-Daten.

Derzeit spielt Iran aber keine entsprechend große Rolle auf dem Welt-Energiemarkt. Das liegt an der politischen Situation und an dem hohen Eigenverbrauch. Subventionen verbilligen Benzin und Erdgas derart, dass keinerlei Anreiz zum sparsamen Verbrauch besteht. Daher ist Iran Netto-Importeur beider Treibstoffe.

Das soll sich allerdings rasch ändern. Der Zehnjahresplan bis 2014 sieht Investitionen von mehreren hundert Milliarden Dollar in die Öl- und Gasförderung, den Aufbau einer landesweiten Gasinfrastruktur und den Bau von Raffinerien vor. Damit soll die Ölproduktion bis 2014 um eine Million Barrel am Tag auf 5,3 Mill. Barrel steigen.

Noch ehrgeiziger sind die Pläne für die Gasförderung: Sie soll von knapp 600 Mill. auf 1,5 Mrd. Kubikmeter wachsen am Tag. Pipelines sollen das Kaspische Meer mit der iranischen Küste verbinden und nach Pakistan sowie an die türkische Grenze mit Anschluss an die europäischen Märkte führen. Ein Zehntel der Produktion will Nozari nach Europa verkaufen. Auch in das Flüssiggasgeschäft will Iran im großen Maßstab einsteigen.

Ein besonders drängendes Problem ist der Mangel an Raffineriekapazität, die Iran bisher zwingt, Benzin und Diesel zu importieren. Die Kapazität soll sich durch Neubauten und Modernisierungen schon bis 2012 auf 3,3 Mill. Barrel am Tag verdoppeln. Zugleich soll Gas Heizöl als Brennstoff verdrängen. Spätestens 2011 will Iran den Eigenbedarf an Benzin und Diesel decken und danach mit Exporten beginnen.

Allein für die Raffinerien sollen Aufträge über 15 Mrd. Dollar vergeben werden - vor allem auch an ausländische Anlagenbauer. Sollten chinesische Konzerne diese Kontrakte gewinnen, würden diese Firmen gezwungen, westliche Technik in die Anlagen einzubauen, sagte dem Handelsblatt ein deutscher Wirtschaftsexperte in Teheran.

China hat Deutschland als größten Außenhandelspartner bereits abgelöst. Der iranisch-chinesische Handel wird sich nach Aussagen iranischer Diplomaten in diesem Jahr um ein weiteres Viertel auf 25 Mrd. Dollar erhöhen.

Die Hälfte der jetzt angekündigten gewaltigen Investitionen will Iran aus eigenen Mitteln bestreiten - die hohen Ölpreise sollen es möglich machen. Die andere Hälfte, so stellt sich Nozari vor, wird aus dem Ausland finanziert. Auch westliche Ölkonzerne seien willkommen. "Wir haben keine Probleme, sie einzubeziehen, aber natürlich müssen sie ihre Probleme selber lösen", sagte er in Anspielung auf die Wirtschaftssanktionen.

Auf die Frage, wie realistisch angesichts des Streits um das iranische Nuklearprogramm die Beteiligung von Ölmultis an iranischen Projekten sei, verwies der Ölminister darauf, dass die Konzerne seit Jahrzehnten erfolgreich in Iran arbeiteten. "Es ist an der Zeit, die Differenzen beiseite zu schieben", sagte der Minister. Sie gingen nur zu Lasten der Verbraucher.

Auch über den Energiesektor hinweg versucht Iran derzeit mit einer groß angelegten Privatisierungsoffensive dem wachsenden Sanktionsdruck des Westens auszuweichen. So kündigte der iranische Privatisierungsminister Gholamreza Heidari Kord-Zangeneh in Teheran an, dass ausländische Unternehmen künftig Beteiligungen an Irans Staatsfirmen erwerben könnten - bis zu einer vollständigen Übernahme. "Iran will mehr Auslandsinvestitionen anwerben und wird künftig keinen Unterschied mehr zwischen in- und ausländischen Investoren machen", zitierte die Teheraner Zeitung Iran Daily den Chef der Privatisierungsagentur. Die einzige Beschränkung sei, dass Ausländer nicht mehr als 35 Prozent einer Branche besitzen dürften.

Gezielt werden derzeit kleine iranische Energiefirmen an die Börse gebracht und nach Angaben aus Teheraner Industriekreisen ausländischen Unternehmen zum Kauf angeboten. In der Energiebranche engagieren sich im großen Stil vor allem die russische Gazprom, weiter russische und indische Unternehmen: So will Gazproms Öltochter Gazprom Neft Joint ventures mit Irans Staatsölkonzern NIOC gründen, die indische ONGC und Hinduja wollen zehn Mrd. US-Dollar investieren. Indien und Pakistan stehen zudem kurz vor dem Abschluss einer Vereinbarung über den Bau einer Gaspipeline, die iranisches Gas in die beiden Länder transportieren soll - obwohl die USA erheblichen Widerstand leisten. Zuletzt hatte ein Schweizer Gashändler ein Milliarden-Abkommen mit Iran abgeschlossen. Währenddessen hatte Shell sein Iran-Projekt gerade gestoppt.

"Wenn wir uns weiterhin nicht im Iran engagieren, werden wir bald in der verrückten Lage sein, von Gazprom iranisches Öl zu kaufen", sagte kürzlich ein hochrangiger europäischer Diplomat in Teheran. "Das will Iran nicht, wird aber dazu gezwungen, wenn sich westliche Länder weiter zieren."

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