Energiepolitik
Russland schnappt der EU das Gas weg – und gefährdet Nabucco

Die Türkei unterstützt die geplante europäische Pipeline, doch die Partner laufen zum russischen Konkurrenzprojekt South Stream über. Noch ist unklar, woher das Gas für die Nabucco-Röhre herkommen soll.

ATHEN. Die türkische Regierung erwartet einen baldigen Startschuss für die von Verzögerungen geplagte Nabucco-Gaspipeline. Er rechne damit, dass die Regierungsvereinbarungen und Transit-Verträge für das Projekt innerhalb weniger Monate unterzeichnet werden, sagte Premier Tayyip Erdogan in Ankara. Auch bei dem Konsortium, das die Röhre bauen und betreiben soll, gibt man sich optimistisch: Die Verhandlungen seien auf einem guten Weg, sagte Nabucco-Chef Reinhard Mitschek dem Handelsblatt: "Wir sind sehr zuversichtlich."

Die Pipeline, die von der Europäischen Union gefördert wird, soll ab 2013 jährlich 31 Mrd. Kubikmeter Erdgas aus der Region um das Kaspische Meer und aus Nahost über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich pumpen und so Europas Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen mindern.

Allerdings hat das Projekt mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Vor allem ist bisher ungeklärt, wo das Gas herkommen soll. Lediglich Aserbaidschan hat Lieferungen zugesagt, kann aber allein die Leitung nicht füllen. Turkmenistan und Kasachstan kämen als weitere Lieferanten in Frage. Aber neben China und Indien konkurriert auch Russland mit den Europäern um das Gas aus der Region rund um das Kaspische Meer.

Denn der russische Staatsmonopolist Gazprom würde es gern für sein Konkurrenzprojekt South Stream nutzen - eine geplante Pipeline, die von Russland unter dem Schwarzen Meer nach Bulgarien führen und sich dann über mehrere Einzelstränge nach Westen verzweigen soll. Der Plan, iranisches Gas in Nabucco einzuspeisen, stößt auf politische Bedenken, solange der Streit über das iranische Atomprogramm zwischen dem Westen und Teheran schwelt.

Überdies gibt es Streit innerhalb des Nabucco-Konsortiums, dem neben dem österreichischen Energiekonzern OMV als Projektkoordinator Partner aus der Türkei, Bulgarien, Ungarn, Rumänien sowie die deutsche RWE angehören. So will sich die Türkei nicht mit der Rolle des Transitlandes zufrieden geben, sondern einen Teil des über ihr Territorium gepumpten Erdgases selbst für Kunden in Europa vermarkten.

Das lehnen die anderen Partner bisher ab: "Das wird unsere Vereinbarung definitiv nicht zulassen", sagte der österreichische Wirtschaftsminister Martin Bartenstein kürzlich im Fernsehsender CNN Türk. Kopfschmerzen bereiten dem Konsortium auch die Kosten für das Projekt: Während eine Machbarkeitsstudie im Jahr 2005 die Baukosten für Nabucco noch auf fünf Mrd. Euro beziffert hatte, wird die Pipeline nach jüngsten Berechnungen wegen der stark gestiegenen Stahlpreise fast acht Mrd. Euro teuer.

Bulgarien und Ungarn klagten in der vergangenen Woche über "verlangsamte Aktivitäten" bei Nabucco und forderten eine intensivere politische Unterstützung für das Projekt. Die EU-Kommission müsse eine aktivere Rolle spielen, mahnte der bulgarische Energieminister Petar Dimitrow nach einem Treffen mit dem ungarischen Nabucco-Koordinator Mihaly Bayer. "Die Probleme, mit denen Nabucco konfrontiert ist, sind nicht rein wirtschaftlicher Natur und können nicht von den Konsortialfirmen allein gelöst werden", sagte Dimitrow. Er spielte damit offenbar auf das nachlassende Engagement vieler europäischer Staaten für das Nabucco-Programm an.

So kündigte Slowenien ausgerechnet während seiner EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2008 an, beim Konkurrenzprojekt South Stream mitzuarbeiten. Zuvor waren schon Griechenland und Ungarn bei den Russen eingestiegen. Italiens Energiekonzern Eni ist ohnehin an South Stream beteiligt.

Die österreichische OMV hat Gazprom bereits mit 50 Prozent an seinem Gashub in Baumgarten beteiligt, der geplanten Verteilerplattform für Nabucco. Außerdem verhandelt das Unternehmen ebenfalls über einen Einstieg bei South Stream. Das sei aber keineswegs als Absage an Nabucco zu verstehen, heißt es in Wien. Die zwei Projekte konkurrierten nicht miteinander, sondern ergänzten sich.

Dabei könnte die Rivalität schärfer kaum sein. Beide Vorhaben konkurrieren um die Gasquellen in Zentralasien, um die Transitländer, die Abnehmer auf den europäischen Märkten und - nicht zuletzt - um die Finanzierung.

South Stream hat dabei wichtige Startvorteile: Hinter dem Projekt steht mit Gazprom ein mächtiger Gasproduzent, dessen Dominanz schnelle Entscheidungsprozesse ermöglicht. Als Staatskonzern kann Gazprom überdies bei den potenziellen Lieferanten ganz anders auftreten als das Nabucco-Konsortium.

So verhandelte Gazprom-Chef Alexej Miller gestern in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabad über Gas-Lieferverträge. Und ab heute reist der neue russische Präsident Dmitrij Medwedjew nach Turkmenistan und Aserbaidschan. Damit unterstreicht Russland sein Interesse an den enormen Energieressourcen der Region.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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