Erdbeben in China
Nach 37 Stunden ist der Traum zu Ende

Neun Tage ist es her, dass ein Erdbeben der Stärke 7,9 den Südwesten Chinas erschütterte. Mehr als 55 000 Menschen starben. Wie ein chinesisches Ehepaar von Peking in sein vom Beben zerstörtes Heimatdorf zurückkehrt, um nach seiner Tochter zu suchen – eine Reportage.

PEKING/MUYU. Als Liu Jishu und Tang Shuxiu nachmittags am Westbahnhof von Peking ankommen, haben sie ihren feinsten Kleider an. Herr Liu trägt ein Jackett, seine Ehefrau modische Jeans und einen pinkfarbenen Blazer. Die Gewohnheit hat die beiden geleitet: Reisen nach Hause, ins 1300 Kilometer entfernte Dorf Tielu, sind für die Wanderarbeiter normalerweise wie ein Festtag.

Heute ist der Grund für ihre dreitägige Reise eine Tragödie. Das Erdbeben, das China am 12. Mai erschütterte und bisher 51 151 Menschenleben nahm, hat auch ihr Heimatdorf verheert. Die Sorge um ihre einzige Tochter, die 15-jährige Huimei, die daheim zur Schule geht, hat Herrn Liu und Frau Tang zum Bahnhof getrieben. „Uns ist in Peking die Tragödie erspart geblieben“, sagt Mutter Tang Shuxiu, als sie am Bahnhof auf den 21-Uhr-Zug wartet, „aber meinem Baby nicht.“ Ob Huimei noch lebt?

Das Ehepaar gehört zu den 140 Millionen Chinesen, die sich als weitgehend rechtlose Wanderarbeiter in den Städten verdingen. Dort ist mehr zu verdienen als daheim als Bauern. Auf 250 Dollar im Monat kommt Herr Liu nun in Peking; seine Frau verdient 200 Dollar. Beide arbeiten auf der Baustelle eines Luxushotels.

Ziel ihrer Plackerei: Tochter Huimei soll eine gute Ausbildung erhalten. 570 Dollar im Jahr kostet ihre Schule daheim – als Bauern könnten sie sich das niemals leisten.

Der Zug kommt. Herr Liu und Frau Tang wuchten ihre Taschen in den Waggon. In einem Plastikeimer haben sie Thermosflaschen zum Teekochen dabei. Tang Shuxiu ist bereits erschöpft, als der Zug anfährt. Seit zwei Tagen hat sie kaum etwas gegessen – aus Angst um ihre Tochter. Sie weiß, dass die Schule, auf die Huimei geht, nach dem Beben eingestürzt ist.

Mit 16 weiteren Kollegen von ihrer Baustelle – alle stammen sie aus der Provinz Sichuan – sind sie aufgebrochen. Informationen gibt es kaum. Ein Bekannter durchforstet im Zug eine Zeitung nach Neuigkeiten. Die Telefonleitungen nach Hause sind meist tot. Als einmal das Handy eines Mitreisenden bimmelt, reißt es ihm seine Frau vom Gürtel. Herr Liu öffnet eine Bierflasche mit den Zähnen.

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