Euro-Krise
Warum sich Amerikaner und Europäer nicht verstehen

Die Diskussion über den Euro ist von Missverständnissen geprägt. Die Europäer wollen ihren Fehler nicht wahrhaben, die Amerikaner verstehen das zwanghafte Festhalten am Euro nicht. Ein Erklärungsversuch.
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Früher klang Europa so: „Die Vollendung der Währungsunion ist die Antwort Europas auf die Herausforderungen des neuen globalen Zeitalters. Die Währungsunion ist keineswegs der Preis für unsere Vergangenheit, wie uns manche einreden wollen. Aber sie ist der Schlüssel zu unserer Zukunft."

So warb der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher in der historischen Debatte am 23. April 1998, als der Bundestag der Gründung der Währungsunion zustimmte - und erhielt dafür sogar Beifall von den Oppositionsbänken.

Heute, 14 Jahre und manche Enttäuschung später, klingt Europa eher so wie in der Gipfelerklärung der Euro-Staaten vom 29. Juni: „Wir bekräftigen, dass wir nachdrücklich dafür eintreten, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Finanzstabilität im Euro-Währungsgebiet sicherzustellen, insbesondere durch flexible und effiziente Nutzung der vorhandenen EFSF/ESM-Instrumente, um die Märkte für die Mitgliedstaaten zu stabilisieren, die im Rahmen des Europäischen Semesters, des Stabilitäts- und Wachstumspakts beziehungsweise des Verfahrens bei einem übermäßigen Ungleichgewicht ihre länderspezifischen Empfehlungen und ihre anderen Verpflichtungen einschließlich ihrer jeweiligen Fristvorgaben einhalten."

Es wäre zu leicht, diese Sprachlosigkeit einfach dem gedankenlosen Wirken von Bürokraten zuzuschreiben, die in ihrer Brüsseler Schreibstube dem Geschehen auf den Straßen und in den Börsensälen weit entrückt sind. Es steckt mehr dahinter. Keiner der Rettungspolitiker, sei es aus Berlin, aus Brüssel oder aus Paris, findet mehr Worte wie damals Hans-Dietrich Genscher, um eine Vision von einem neuen, besseren Europa zu skizzieren.

Dahinter steckt ein psychologisches Phänomen, das der amerikanische Forscher Leon Festinger 1957 in eine Theorie kleidete: die kognitive Dissonanz. Festinger ging davon aus, dass jeder Mensch nach einem seelischen Gleichgewicht strebe, nach der Eintracht von Wissen, Denken, Wahrnehmen, Empfinden und Handeln.

Kommentare zu " Euro-Krise: Warum sich Amerikaner und Europäer nicht verstehen"

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  • Dieser Kommentar hat ungemein dazu beigetragen,
    das Europroblem kompetent und sachlich zu diskutieren...

  • „Wir bekräftigen, dass wir nachdrücklich dafür eintreten, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Finanzstabilität im Euro-Währungsgebiet sicherzustellen, insbesondere durch flexible und effiziente Nutzung der vorhandenen EFSF/ESM-Instrumente..." das bekräftigen und glauben sie auch, die nationalen und internationalen „Euromantiker“, wie seinerzeit Wirtschaftsminister Karl Schiller sie nannte, heute sogar noch mit erheblichen Portionen Eigeninteressen gewürzt: Sie hatten und haben ein Ideologisches Brett vor dem Kopf und tragen wie ein Dogma vor sich her, daß eine Währungsunion und eine politische Union zusammengehören, koste es, was es wolle. Die Nachricht, daß ein Zusammenbruch des Währungsverbundes 3,0 Bio. Euro kosten würde, nehmen sie dankbar und ungeprüft auf und wollen auch gar nicht wissen, was ein Weiterwursteln wie bisher kosten würde (mit Sicherheit ein Mehrfaches davon, weil die ClubMed+F-Staaten neben der Schuldentilgung auch noch sehr viel Geld für die Wiederherstellung ihrer kaputten Leistungsbilanzen benötigen): Dagegen verblassen sogar noch die katastrophalen Ergebnisse der Politik der Europäer in der Vergangenheit. Mich macht aber eines stutzig: Mit welcher Ruhe die Völker Europas sich dieses schaurige Theater ansehen: Ist es totale Ignoranz oder abgrundtiefe Dummheit?

  • Erstaunlich, dass sich immer noch deutsche VWL-Fakultaeten "renommiert" nennen. Aber das ist eben das Problem: renommiert aber nicht kompetent.

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