Experten warnen vor zu strenger Kontroller
Überregulierung bedroht Chemie-Industrie

Die Chemische Industrie in Europa muss sich nicht hinter ihren internationalen Wettbewerbern verstecken. Zu den 1,7 Billionen Euro, die die Branche im vergangenen Jahr weltweit umgesetzt hat, trugen europäische Unternehmen 580 Mrd. Euro bei – und damit mehr als die asiatischen und amerikanischen Konkurrenten.

DÜSSELDORF. Von den 30 weltgrößten Chemiekonzernen haben mehr als die Hälfte ihren Sitz in Europa. Doch eine überzogene Regulierung durch die EU-Kommission könnte Europas Vormachtstellung schnell untergraben, warnen Top-Manager und Unternehmensberater.

Vor allem die geplante Chemikalienrichtlinie „Reach“, die eine Überprüfung aller chemischen Substanzen auf mögliche Risiken für die Verbraucher vorsieht, versetzt die Branche in Aufregung. „Europas Wirtschaft ist nicht gegen die Ziele von Reach“, beteuert Philippe de Buck, Generalsekretär des europäischen Unternehmensverbandes Unice. „Aber mehr Kosteneffizienz ist unerlässlich, um die Wettbewerbsfähigkeit besonders kleiner und mittlerer Firmen zu erhalten.“

Konzerne wie BASF, Bayer und Degussa haben bereits seit der Vorlage des ersten Weißbuchs für eine EU-Chemiepolitik vor mehr als drei Jahren auf die Auswirkungen der Regulierung hingewiesen. Die Firmen rechnen mit Hunderten Millionen Euro Mehrkosten, wenn sie Tausende Chemikalien testen und registrieren lassen müssen. Wegen der Rolle der Chemie als Vorlieferant der gesamten Wirtschaft warnten die Unternehmensberatungen Arthur D. Little und Mercer Consulting vor gesamtwirtschaftlichen Wachstumseinbußen von bis zu sechs Prozentpunkten durch Reach. Bis zu zwei Millionen Arbeitsplätze in der Europäischen Union stünden auf dem Spiel, heißt es in Studien, die der deutsche Chemieverband VCI und sein französisches Pendant UIC in Auftrag gegeben haben.

„Reach sollte sich auf seine Kernprinzipien der Prüfung und Bewertung der Risiken konzentrieren“, so Unice-Generalsekretär de Buck. Der Verband, der derzeit unter der Präsidentschaft des Ex-BASF-Chefs Jürgen Strube steht, hat vor der Anhörung des EU-Parlaments am 19. Februar Empfehlungen vorgelegt, die Reach mehr Effizienz verleihen und Überlappungen mit bestehenden Gesetzen vermeiden sollen.

Unter anderem verlangt Unice zusammen mit dem europäischen Chemieverband Cefic, die in Reach geplanten Tests nicht nach der Produktionsmenge, sondern nach dem Gefahrenpotenzial der Stoffe zu gewichten. Und statt die Genehmigungspflicht für Substanzen als Regelfall festzuschreiben, sollte Reach lieber Restriktionen bei erwiesener Gefährlichkeit vorsehen. Damit stehen die Unice-Empfehlungen allerdings frontal gegen industriekritische Kräfte, die die Richtlinie auf die Agenda gesetzt haben.

Die Angst vor Überregulierung macht sich in der Chemie-Industrie auch deshalb breit, weil Europas Vorsprung langsam zusammenschmilzt. Zwar wächst der Umsatz der Branche in Europa noch schneller als in den USA, doch es entstehen kaum noch neue Großanlagen. Und Europas Konzerne folgen ihren Kunden – und investieren verstärkt in China.

Schreckgespenst

Umkehr der Beweislast: Laut Reach (Registration, Evaluation and Authorisation of Chemicals) muss die Industrie den Nachweis erbringen, dass von ihr angebotene Chemikalien unbedenklich sind. Bisher mussten Behörden bei Verdacht das Gegenteil beweisen. Weites Feld: Binnen elf Jahren sollen rund 30 000 Substanzen auf Unbedenklichkeit geprüft und autorisiert werden.

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