Finanzgipfel
Istanbul rechnet mit neuem Beben – jederzeit

Vor zehn Jahren bebte in Izmit die Erde. Tausende starben. Istanbul fürchtet eine ähnliche Katastrophe - nur viel schlimmer. Das Risiko ist stets präsent. Auch während des Treffens der globalen Finanzelite von IWF und Weltbank am Wochenende. Über das Leben im Schatten einer tödlichen Gefahr.
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ISTANBUL. Neben dem Nachttisch von Philip Schade steht ein Rucksack. Darin: Thunfischdosen, Kekse, Schokoriegel, Wasserflaschen. Dazu Taschenmesser, Isomatte, Aludecke und Trillerpfeife samt Schutzhelm und Taschenlampe. "Ich hoffe, dass ich das nie brauchen werde", sagt der Deutsche, der als Personalberater am Bosporus arbeitet: "Viele verdrängen die Gefahr". Er aber kann mit dem beruhigenden Gefühl einschlafen, vorbereitet zu sein auf das große Erdbeben, das der Wirtschaftsmetropole Istanbul droht - und wo sich in den nächsten Tagen die globale Finanzelite zur Herbsttagung von IWF und Währungsfonds einfindet.

"Jederzeit" könne die Erde beben, sagt Celal Sengör. Im Arbeitszimmer des Geologen türmen sich Bücher, Fachzeitschriften. Er breitet eine Karte aus. Sie zeigt den Boden des Marmarameeres, aufgezeichnet von Sonargeräten. Sengör fährt mit dem Finger eine Linie entlang: "Hier lauert die Gefahr". Eine Bruchzone in der Erdkruste. Hier schrammen die Kontinentalplatten Afrikas und Europas aneinander vorbei, um zwei bis drei Zentimeter im Jahr. Immer wieder verhaken sie sich. Dann bauen sich gewaltige Spannungen im Gestein auf. Wenn sie sich lösen, entlädt sich die aufgestaute Energie in einem Beben.

Wie vor zehn Jahren: Im August 1999 stürzten in der nordwesttürki-schen Industriestadt Izmit 20 000 Gebäude ein, fast 18 000 Menschen starben. Auch im 100 Kilometer entfernten Istanbul fielen einige Bauten in sich zusammen. Beim nächsten Mal könnte es die Stadt noch schlimmer treffen. Denn die Fachleute erwarten ein Beben im Marmarameer - ganz nah an Istanbul. Die Prognosen lesen sich apokalyptisch: 90 000 Tote, 135 000 Verletzte, eine halbe Million Obdachlose, Milliardeneinbußen für die türkische Volkswirtschaft. Das Beben von 1999 hat die Politiker aufgerüttelt. Inzwischen sind die Behörden besser vorbereitet. Die Hilfsorganisation Kizilay, der Rote Halbmond, baut im Stadtbezirk Tuzla auf einer Fläche von fast 65 000 Quadratmetern das weltweit größte Katastrophen-Logistikzentrum. Hier entstehen eine Einsatzzentrale und Lager für Hilfsgüter, darunter Zelte für 350 000 Obdachlose.

Experten installierten ein Warnsystem: Fast 200 Seismografen im Großraum Istanbul sollen ein Beben melden. Dann bleiben acht Sekunden, um Gasleitungen automatisch zu schließen, Züge anzuhalten und Ampeln vor Brücken und Tunnel auf Rot zu schalten. Ein 569 Seiten umfassender Masterplan der Stadtverwaltung beschreibt Risiken und Katastrophenmanagement - ein von internationalen Experten als vorbildlich gelobtes Papier.

Aber das größte Risiko der 15-Millionenmetropole bleibt die marode Bausubstanz. Von rund einer Million Gebäuden, die es in Istanbul gibt, werden bei einem Beben der Stärke 7,5 wohl 5000 völlig und 45 000 teilweise einstürzen, schätzt der Bauingenieur Mustafa Erdik, einer der Erdbebenexperten des Kandilli-Observatoriums. Die Hängebrücken, die ernste Schwächen aufwiesen, sind inzwischen stabilisiert. Auch viele Schulen, Kliniken und öffentliche Gebäude wurden statisch verstärkt. Aber selbst wenn es das nötige Geld gäbe, würde es viele Jahrzehnte dauern, alle Gebäude Istanbuls erdbebenresistent zu machen.

So lange wird das Beben wohl nicht auf sich warten lassen. Fachleute erwarten die Katastrophe zwischen 2013 und 2025. So bleibt die Umsetzung der Notfallpläne ein Wettlauf gegen die Zeit. Das weiß auch Philip Schade. Zu seinem Not-Rucksack gehört auch Bargeld - kleine Euro-Scheine: "Wer weiß, was aus der Lira wird, wenn die Katastrophe kommt".

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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