Finanzmarktkrise
Gordon Browns erstaunliche Metamorphose

Die weltweite Finanzkrise bringt außergewöhnliche Verwandlungen: Der britische Premier Brown preist gegen frühere Überzeugungen plötzlich die Finanzmarktregulierung.

BRÜSSEL. Der Brief kam wenige Minuten vor Beginn des EU-Gipfels, und er hatte den Effekt einer Bombe. Das Weltfinanzsystem, so war am vergangenen Mittwoch in dem unsignierten und undatierten Schreiben zu lesen, mache „noch nie da gewesene Turbulenzen“ durch und müsse dringend reformiert werden. Um die Märkte vor dem drohenden Kollaps zu retten, müssten sich Politiker und Manager auf ein „internationales Programm zur Stärkung des globalen Finanzsystems“ verpflichten. Die EU solle die Führung übernehmen und eine globale Konferenz nach dem Vorbild der Konferenz von Bretton Woods 1944 herbeiführen, fügte der Autor, der britische Premier Gordon Brown, in einer eilig einberufenen Pressekonferenz hinzu.

„Wir haben unseren Augen nicht getraut“, berichtet ein EU-Diplomat. „Wir haben gedacht, das kann doch gar nicht aus London kommen.“ Schließlich hatte Brown bisher jede Reform des Finanzsystems vehement abgelehnt. Noch einen Tag vor dem EU-Gipfel deutete nichts darauf hin, dass sich der als Zauderer bekannte Brite an die Spitze der Reformbewegung setzen würde. Selbst britische Experten wollten keinen Penny darauf wetten, dass Brown ein neues Bretton Woods fordern würde. Das sei doch bloß ein Steckenpferd von Nicolas Sarkozy, dem französischen Staatspräsidenten, scherzte ein Diplomat.

Und nun steht Brown da, bei der Pressekonferenz zum Abschluss des EU-Gipfels, und tut so, als sei es das Normalste von der Welt. „Wir erleben derzeit gleichzeitig die erste Rohstoff- und die erste Finanzkrise im Zeitalter der Globalisierung“, doziert er mit düsterer Miene. Durch die „Exzesse“ der Märkte seien die Sparguthaben „unserer hart arbeitenden Familien“ und die Investitionen des Mittelstands gefährdet. Die Finanzkrise habe „Glauben und Vertrauen“ zerstört und lasse sich nur durch radikale Reformen in den Griff bekommen. Brown wirkt erschöpft, aber auch entschlossen. Seine Hände machen kreisende Bewegungen, so als wolle er den Weltball umfassen.

Dass er es ernst meint, hat der liberale Brite in den letzten Wochen bewiesen. Der frühere Schatzkanzler hat Milliarden in die Hand genommen, um die City of London vor dem drohenden Kollaps zu bewahren. Er hat die Blaupause für den europäischen Rettungsplan gegen die Finanzkrise geliefert und den Märkten neues Vertrauen gegeben. „Flash Gordon“ wird Brown deshalb in London genannt – wie der Comic-Held, der im Zweiten Weltkrieg die US-Tugenden verkörperte und die Welt vor dem Bösen rettete.

Doch davon will der 57-Jährige nichts wissen. „Jeder tut, was er kann“, antwortet er mit typisch britischem Understatement auf die Frage, ob er sich als neuer Führer der freien Wirtschaftswelt fühle. Eine „gemeinsame Anstrengung“ sei der europäische Rettungsplan gewesen, er selbst habe ja nur ein paar Ideen und Prinzipien beigesteuert. Und dann nennt Brown Namen: den „brillanten Sarkozy“, den „hervorragenden“ EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso, aber auch EZB-Chef Jean-Claude Trichet und den luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker.

Sogar der spanische Regierungschef José Zapatero bekommt ein Lob ab – obwohl der in der Rettung der Finanzmärkte allenfalls eine Nebenrolle spielte. Keine Erwähnung findet hingegen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hat zwar bereits seit Monaten mehr Transparenz auf den Märkten gefordert – zu einer Zeit, als Brown davon noch nichts wissen wollte. Merkel zog aber auch den Ärger des Briten auf sich, als sie im Alleingang eine Garantie für alle Spareinlagen in Deutschland abgab.

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