Flüchtlinge in Griechenland
„Unzumutbare Bedingungen“

Überhitzte Zelte, kranke Kinder und katastrophale hygienische Bedingungen. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ kritisiert die Flüchtlingssituation in Griechenland und fordert eine rasche Umsiedelung innerhalb der EU.

AthenRund 50.000 Flüchtlinge und Migranten leben in Griechenland unter „unzumutbaren Bedingungen“ - das ist das Ergebnis eines Reports, den die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen diese Woche veröffentlichte. Auf den griechischen Inseln sorgt der europäisch-türkische Flüchtlingspakt für eine Art EU-weit abgesegnetes Calais: Fast 16 000 Flüchtlinge und Migranten werden dort mittlerweile festgehalten, obwohl es nur rund 8000 Aufnahmeplätze gibt. Weitere Ausschreitungen sind lediglich eine Frage der Zeit.

Anfang der Woche brannte mal wieder der „Hotspot“ der Insel Lesbos. Nachdem erst im September mehr als die Hälfte des Flüchtlingslagers den Flammen zum Opfer gefallen war, legten Flüchtlinge und Migranten nun erneut Feuer. Sie protestierten gegen den langsamen Fortschritt bei den Asylverfahren - ironischerweise wurden deshalb ausgerechnet die Büro-Container der europäischen Asylbehörde EASO abgefackelt.

Ausschreitungen gehören auf den Inseln der Ostägäis längst zum Alltag. Der Grund dafür sind die unsäglichen Zustände, unter denen die Flüchtlinge dort hausen, heißt es im Report von Ärzte ohne Grenzen. Diese Entwicklung bestätigt auch Nikitas Kanakis, Chef des griechischen Zweigs der Hilfsorganisation Ärzte der Welt: „Selbst wenn man die schrecklichen Umstände beiseite lässt, unter denen die Flüchtlinge hierher gekommen sind - jeder Mensch würde unter diesen Bedingungen aggressiv werden“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Es reichten wenige Hitzköpfe aus, damit die Situation eskaliere, so Kanakis. Betroffen seien jedes Mal vor allem Frauen und Kinder, ganze Familien, die sich in den Lagern nicht mehr sicher fühlten. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen verweist darüber hinaus auf den nahenden Winter: Es sei davon auszugehen, dass viele Menschen einen zweiten Winter in Zelten und mangelhaften Unterkünften zubringen müssten. Die ärztliche Versorgung sei nicht gewährleistet, den Schutzsuchenden drohten Unterkühlung und Atemwegserkrankungen.

Während die Flüchtlinge und Migranten im Elend versinken, beschäftigt man sich EU-weit mit Schuldzuweisungen. Griechenland habe seine Hausaufgabe nicht gemacht, heißt es gerne. Die EU setze die zugesagte Umsiedlung der Flüchtlinge nicht durch, hört man umgekehrt. Griechenland bekomme die Asylverfahren nicht in den Griff, kritisiert Berlin. Die EU-Staaten hätten nie die versprochenen Fachleute und Übersetzer geschickt, kontert Athen.

Den Menschen in den Hotspots hilft das herzlich wenig. Und auch die Asylberater, die griechischen Behörden und die Inselbewohner sind verzweifelt. „Wie wir es auch machen – es ist falsch und es wird gemeckert“, sagte ein griechischer Beamter. „Schicken wir die Menschen im Rahmen des EU-türkischen Flüchtlingspakts schnell zurück in die Türkei, heißt es, wir hätten den Asylantrag nicht anständig geprüft. Dauert es länger, heißt es, wir hätten die Lage nicht im Griff.“

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen kommt in ihrem Report zu klaren Empfehlungen: Flüchtlinge entsprechend der europäischen Vereinbarung zügigst innerhalb der EU umsiedeln, für Griechenland mehr Mittel und Personal zur Verfügung stellen sowie alternative Unterbringungen für die Flüchtlinge der griechischen Inseln schaffen.

Letzteres zumindest will der griechische Migrationsminister Ioannis Mouzalas bis November erzielt haben. Die Lage sei längst nicht so schlimm, wie sie immer wieder geschildert werde, bekräftigte er diese Woche im griechischen Parlament. „Jeder, der behauptet, man könne die größte Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg einfach so in den Griff kriegen, lügt. Wir haben aus dem Schlimmsten das Beste gemacht - es gibt Unterkünfte, die Menschen haben zu Essen.“ Aber auch Mouzalas weiß, dass der nahende Winter die Situation weiter verschlimmern wird.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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