Flüchtlinge sterben im Kühllaster
Vor der Haustür

Ein Lastwagen mit dem Schriftzug einer Hühnerfleischfirma steht am Straßenrand bei Wien. Im Laderaum finden entsetzte Polizisten bis zu 50 tote Menschen: Flüchtlinge. Die Tragödie ist vor der Haustür angekommen.
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Wien/EisenstadtManchmal sind Politikerreden nicht weit entfernt vom ganz realen Grauen der Flüchtlingskrise. Am Donnerstag waren es nur wenige Kilometer. In Wien kam Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit etlichen anderen Spitzenpolitikern zur Westbalkan-Konferenz zusammen. Kaum 40 Fahrtminuten weiter südlich fiel Autobahnarbeitern auf einem Pannenstreifen bei Parndorf ein Kühlwagen auf. Aus dem Laderaum sickerte eine Flüssigkeit – es war Verwesungsflüssigkeit. Als Polizeibeamte die Türen aufbrachen, bot sich ein Schreckensbild: die Leichen Dutzender Menschen. Allesamt wahrscheinlich Flüchtlinge, die ihr Leben Schleppern anvertraut hatten.

Die Flüchtlinge waren nach bisherigen Erkenntnissen schon seit anderthalb bis zwei Tagen tot. Der Lkw sei inzwischen in eine ehemalige Veterinärmedizinische Anstalt gebracht worden, wo eine entsprechende Kühlung vorhanden sei. Die Ermittler und Gerichtsmediziner müssten nun die bereits leicht verwesten Opfer bergen, untersuchen und möglichst identifizieren, sagt der Chef der Landespolizei, Hans Peter Doskozil. Details sollten am Freitagvormittag bekanntgegeben werden. Nach der Bergung würden die Leichen in die Gerichtsmedizin Wien gebracht, hieß es.

Dass die Menschen beim Transport erstickt sind, wie in verschiedenen österreichischen Medien vermutet wurde, bestätigte die Polizei zunächst nicht. Für die weiteren Ermittlungen wurde ein Krisenstab eingerichtet. Die Gerichtsmediziner würden in jedem einzelnen Fall die Todesursache klären, sagte Doskozil. Er gehe davon aus, dass die Schlepper Österreich bereits wieder verlassen hätten.

Die genaue Zahl der Toten bei der Flüchtlingstragödie in Österreich bleibt vorerst unklar. Die Polizei erklärte in einer Pressekonferenz in Eisenstadt am Donnerstagabend, dass wohl erst am Freitag Gewissheit herrschen werde. Es bleibe bei der Schätzung von 20 bis 50 Toten. Unter den zum Teil bereits verwesten Leichen seien vermutlich auch Frauen und Kinder, teilte die Polizei am Abend mit.

„Diese Tragödie macht uns alle betroffen“, betonte Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). „Schlepper sind Kriminelle. Und wer jetzt noch immer meint, dass es sanftmütige Fluchthelfer sind, dem ist nicht zu helfen.“

Das Drama müsse ein „Signal an die europäische Ebene“ sein, fordert die Ministerin. Es müssten an den EU-Grenzen endlich Außenstellen geschaffen werden, in denen Flüchtlinge sofort Schutz bekommen. Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) sagte, die organisierte Schlepperei müsse europaweit konsequent bekämpft werden.

Die Staatsanwaltschaft nahm inzwischen nach eigenen Angaben Kontakt zu den ungarischen Strafverfolgungsbehörden auf. „Wir werden nichts unversucht lassen, den Fahrer und seine Hintermänner auszuforschen und das Verbrechen aufzuklären“, versicherte der leitende Staatsanwalt Johann Fuchs.

Die Fahndung nach den Schleppern laufe auf Hochtouren, versicherte der Polizeidirektor des Burgenlandes, Hans Peter Doskozil. „Es wurde ein Krisenstab eingerichtet.“ Die Pannenbucht war weiträumig abgeriegelt. Überall Einsatzwagen mit Blaulicht. Ein Fahrstreifen war gesperrt. Über den anderen rollte der Verkehr weiter: Viele Menschen, für die Flucht, Vertreibung, Asyl kaum mehr als ein unschönes Dauerthema in den Medien seien mag, waren unterwegs zum diesjährigen Late Night Shopping im nahe gelegenen Designer Outlet in Parndorf.

Manche von ihnen machten Handy-Fotos. Später mögen sie erfahren haben, welches Grauen sich in dem Kühlwagen mit der Hühnerfleischwerbung abgespielt haben musste. Und dann galt wohl auch für sie, was Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) am Nachmittag bei einer Pressekonferenz sagte: „Diese Tragödie macht uns alle betroffen.“

Der slowakische Geflügelproduzent, dessen Aufschrift auf dem LKW prangerte, wies jede Verbindung zu der Flüchtlingstragödie zurück. „Der Lastwagen ist seit 2014 nicht mehr in unserem Besitz“, teilte ein Sprecher des Firmeneigentümers, der Agrofert-Holding in Prag, mit. Das Fahrzeug sei nach mehreren Wiederverkäufen nach Ungarn geraten. Die ursprüngliche Firmenreklame sei von den neuen Besitzern nicht entfernt worden. Die slowakische Polizei bot der Agentur TASR zufolge ihren Kollegen in Österreich Hilfe bei den Ermittlungen an.

Kommentare zu " Flüchtlinge sterben im Kühllaster: Vor der Haustür"

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  • Herr Zimmer, es geht noch besser, als in der Frage der griechischen bankenrekapitalisierung: die Deutsche Wirtschafts-Nachrichten berichten heute morgen, dass eine im April vom IWF ausgezahlte Kreditrate in Höhe von 3,2 MRD Dollar zu mehr als der Hälfte , nämlich in Höhe von 1,8 MRD Dollar, von einem Ukrainer unterschlagen und ins Ausland geschafft wurde.

    So, wie wollen wir nun die Verantwortlichen nennen, ohne als "Rechte" betitelt zu werden...? :-)

  • Dieser Forderung, die Kommentiermöglichkeit wieder zu öffnen, schließe ich mich an. Teilweise sind die Kommentare viel wichtiger als der Artikel. Man muss feststellen, dass diese in der überwiegenden Anzahl kritisch, aber informativ sind.

    Zweifellos sollte und muss Deutschland den Flüchtlingen Unterkunft geben. Es ist auch klar, dass ein Land damit gestresst oder überfordert werden kann.

    Es ist ethisch und moralisch nicht vertretbar, wenn Wirtschaftsflüchtlinge sind untermischen und politisch Verfolgten die Unterkünfte wegnehmen. Das ist moralisch nicht vertretbar.

    Die Diskussion zeigt jedoch, dass die Politiker einmal mehr "alternativlos" und kopflos handeln, der Aufgabe nicht gewachsen sind und die zuständigen Behörden in den letzten Jahren immer mehr verdummten. Schade oder gut, dass wir das jetzt erfahren und handeln können.

    Man mag zu einen Tsipras stehen wie man will, aber er hat gezeigt und zeigt, dass sich die hiesigen Politiker um das Volk nicht kümmern. Ein Großteil des Hilfspakets ging nämlich wiedereinmal in die Rekapitalisierung der griechischen Banken. Das ist unmoralisch vor dem Hintergrund der dringend notwendigen Gelder zur Aufnahme der Flüchtlinge.

  • Nicht 50 sondern 70 Tote, wie wir erfahren!

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