Flüchtlinge
Wie Herr Orbán Europa vorführt

Ungarns Premier betrachtet Europa als Geldautomat. Auf eine gemeinsame Flüchtlingspolitik und Wertegemeinschaft pfeift er – und stiehlt sich aus der Verantwortung, meint unser Ungarn-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar.
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WienWenn es um deutsche Investitionen in Ungarn geht, kann Viktor Orbán mit Engelszungen von Audi, Daimler oder Bosch sprechen. Wenn es aber um Flüchtlinge und Menschlichkeit geht, wird der ungarische Premier schon mal hinterfotzig. Die Flüchtlingskrise sei kein EU-Problem, sondern ein deutsches Problem. Denn schließlich wollen die Migranten nicht in Ungarn bleiben, sondern nach Deutschland reisen, behauptet der Rechtspopulist. Seine Position ist eine kühl kalkulierte Provokation. Denn der national-konservative Politiker möchte Europa spalten und die Bundesregierung unter Angela Merkel in der EU vorführen.

Dass kaum ein Flüchtling in Ungarn bleiben möchte, ist eigentlich eine Schande für das Land der Magyaren. Denn schließlich kamen aus Ungarn selbst mal zahlreiche Flüchtlinge. Viele tausend Menschen baten in Österreich und Deutschland mit Erfolg um Asyl, nachdem der Volksaufstand gegen die Sowjetunion vor 59 Jahren gescheitert war. Doch im heutigen Orbanistan ist diese Erinnerung ausgelöscht. Die Menschlichkeit wird in Ungarn derzeit klein geschrieben.

Orban betreibt seine Politik auf den Rücken seiner Nachbarn im Westen. Mit der schlechten Versorgung, den miserablen hygienischen Umständen und der feindseligen Haltung der Behörden will er die Migranten aus Ungarn weiter nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz treiben. Die beschämende Zustände in Ungarn zeigen, wie zynisch in einem EU-Land Flüchtlingspolitik betrieben werden kann.

Die Haltung wirkt. Syrer, Afghanen oder Iraker rufen in Budapest „Germany, Germany“. Unser Land steht nicht nur für Deutschland, sondern für das freie, menschliche und wohlhabende Europa, zu dem auch Staaten wie die Schweiz, Belgien, die Niederlande und die Länder Skandinaviens dazugehören. Dass dieser Teil Europas eine hohe Anziehungskraft auf geschundene Menschen ausübt, ist eine Auszeichnung für die Gesellschaften.

Orbán dagegen wird zur Hassfigur. Er sucht laufend den Konflikt – innen- und außenpolitisch. Diesmal hat er sich Deutschland und Angela Merkel ausgesucht. Berlin trägt daran eine gewisse Mitschuld. Die Bundesregierung hatte bislang viel, vielleicht zu viel Geduld bewiesen. Dahinter stand die Hoffnung in Berlin und Brüssel, der egoistische Nationalist könnte doch noch zum solidarischen Europäer mutieren. Diese Hoffnung macht Orbán mit seinen politischen Provokationen in der Flüchtlingskrise endgültig zunichte.
Der ungarische Premier begreift Europa als Geldautomat. Darum ist Orbán heute nach Brüssel gefahren. Auf die Wertegemeinschaft, bei der alle in Krisen zusammen helfen, pfeift er hingegen. Ich frage mich: Warum sperrt Europa nicht die Kontokarte sperren, wenn dieser Kunde konsequent die Vertragsvereinbarungen verletzt? So ein Vorgehen bewirkt Wunder – nicht nur in der Finanzwelt.

Kommentare zu " Flüchtlinge: Wie Herr Orbán Europa vorführt"

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  • Auf eure Werte pfeife ich ebenfalls.

    Weiter so Orban.

  • @Ramseyer

    Sie haben Recht - Sparen wir uns den ganzen Aufwand und das Geld

    Keine Abgeordneten / Regierung die nur Quasseln und heiße Luft produzieren ("was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" / "wenn es ernst wird muss man auch mal lügen" / "das war nicht absehbar" ) Das wäre auch gut für's Klima da weniger CO2
    Keine Polizisten die von der Politik eh' gehindert werden müssen das Recht durchzusetzen
    Keine Staatsanwälte und Richter (wo kein Kläger da kein Richter)
    Keine Gefängnisse mehr (für die Wenigen die tatsächlich mehr als "Bewährung" bekommen wg. z,B. "schwere Kindheit")

    Der Traum eines jeden alt 68er's - die totale Freiheit
    Einige Punkte haben wir bereits "geschafft"

  • "Ich brauchte das Geld" - da Hunger. Frau Buschmann wird dafür Verständnis aufbringen.

    Gesetze sind überflüssig, den gesamten Aufwand für Gesetze, Gesetzesänderungen etc. kann man sich sparen, da der Gesetzestext nicht angewandt bzw. umgesetzt, sondern moderiert wird.

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