Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer
Warum Afrika schweigt

Menschen sterben zu Hunderten im Mittelmeer. In deren Heimatländern interessiert das kaum: Afrikas Medien thematisieren Flüchtlingskatastrophen wenig, die Ursachen noch seltener. Die Schuld machen sie ganz woanders aus.
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Kapstadt800 Tote am Wochenende, vergangene Woche verlieren 400 Menschen auf der Flucht vom afrikanischen Kontinent im südlichen Mittelmeer ihr Leben. Schon wieder. Immer wieder. Doch in den afrikanischen Staaten von Nigeria über Mosambik bis nach Südafrika scheint das kaum zu interessieren.

In den großen afrikanischen Zeitungen wird die Flüchtlingskatastrophe trotz des Todes vieler Menschen vom eigenen Kontinent weitgehend ignoriert. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen statt dessen lokale Fragen. Einziges außenpolitisches Thema sind die Übergriffe schwarzer Südafrikaner auf Zuzügler aus anderen Teilen des Kontinents. Dies gilt vor allem für die Zeitungen in Äthiopien, Nigeria oder Mosambik, deren Landsleute von den Pogromen am Kap direkt betroffen sind.

So empört sich die äthiopische ECADF in einem Meinungsstück über die skandalöse Untätigkeit der südafrikanischen Regierung gegenüber den brutalen Übergriffen der eigenen Bevölkerung auf afrikanische Immigranten.

Symptomatisch für die Berichterstattung auf dem Kontinent steht Südafrika: Zwar berichten fast alle Blätter im größten Medienmarkt des Kontinents über das Schiffsunglück, doch werden ausschließlich westliche Agenturberichte verwendet. Das liegt daran, dass fast keine einzige Zeitung am Kap über eigene Auslandskorrespondenten verfügt. Bei den Fernsehsendern ist das Bild ähnlich. Hier kommen Berichte der BBC und des arabischen Nachrichtendienstes Al Jazeera zum Einsatz. Eigene Meinungsbeiträge zu den Vorkommnissen sucht man vergeblich.

Das gleiche Bild findet sich in Ostafrika. Weder die kenianische „Daily Nation“ noch der „Standard“ beschäftigen sich mit der Tragödie im Mittelmeer, sondern widmen sich stattdessen ausführlich den Nachwirkungen des Terrorangriffs auf eine kenianische Universität vor mehr als zwei Wochen.

Die toten Afrikaner im Mittelmeer schaffen es nicht einmal auf die Website der Online-Ausgaben beider Blätter. Auch Nigerias „This Day“ übergeht das Thema und schreibt lieber über Studentenproteste in Lagos gegen südafrikanische Unternehmen.

Selbst wenn die Medien in Afrika einmal über die Flüchtlingsströme nach Norden berichten, werden selten die Hauptschuldigen dafür offen benannt: die afrikanischen Regierungen. Statt dessen ist, wie auch in den europäischen Medien, oft vom Versagen und der Schuld Europas die Rede. Mit häufig moralischem Unterton beschweren sich afrikanische Journalisten über die vermeintliche Hartherzigkeit, die hohen Zäune und „die Festung Europas“.

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