Frankfurter Buchmesse
Ma Jian: Der Tabubrecher

Ma Jian, die große Ausnahme unter den chinesischen Autoren, sorgt derzeit für Furore auf der Frankfurter Buchmesse. In seinem 928-Seiten-Roman „Peking Koma“ berichtet der 56-Jährige vom Massaker am 4. Juni 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens, bei dem rund 3 000 Menschen zu Tode kamen - und begeht damit einen äußerst gefährlichen Tabubruch.
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FRANKFURT. „Sobald ich in Peking ankomme, taucht die Polizei auf, sie kommen nach Hause, schauen meine Papiere durch, laden mich dann freundlich zum Tee ein, lassen mich aber die ganze Zeit nicht aus den Augen und sagen, ich solle mich nicht öffentlich äußern.“ Doch viele seiner Schriftstellerfreunde seien im Gefängnis, sagt Ma Jian, andere wie seine Kollegin Jung Chang, Autorin des Bestsellers „Wilde Schwäne“, die wie er seit Jahren in Großbritannien lebt, dürfe nicht nach China einreisen.

Ma Jian ist die große Ausnahme unter den chinesischen Autoren. Der 56-Jährige hat als Einziger das Tabu durchbrochen und einen 928-Seiten-Roman über das Massaker am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz geschrieben. „Peking Koma“ ist die Geschichte des 23-Jährigen Dai Wei, der an der Peking-Universität in Molekularbiologie promoviert. Er gehört zu den Studenten, die die Demokratiebewegung aus der Universität auf den Platz des Himmlischen Friedens tragen. Detailliert schildert Ma Jian das Leben der Studenten zwischen Gemeinschaftsschlafsaal und Hörsaal, endlosen Diskussionen, chaotischer Selbstorganisation und dem Verfassen von Beiträgen für die Wandzeitung. Er fängt die Atmosphäre in den Monaten vor dem 4. Juni ein, als die zaghafte Demokratiebewegung der Studenten noch erfolgversprechend war, bevor es zur „chinesischen Lösung“ kam.

Beim nächtlichen Schlag des Militärs gegen die Studenten sterben die meisten von Dai Weis Kommilitonen, oder sie werden verhaftet. Er bekommt eine Kugel in den Kopf und fällt in ein Wachkoma. Zehn Jahre lang pflegt ihn seine Mutter. „Als er am Ende des Romans wieder aufwacht, ist er der einzige Überlebende seiner Studentengruppe“, sagt Ma Jian, „und das Land hat sich zur Jahrtausendwende vollständig verändert.“

Das Tabu 4. Juni 1989 ist geblieben. Nicht nur in Büchern, im gesamten öffentlichen Leben werden die tragischen Ereignisse totgeschwiegen. Kein Verlag in China könnte es wagen, ein Buch über das Thema zu drucken, die staatliche Zensur würde sofort eingreifen. Ma Jian berichtet, in diesem Jahr hätte ein Fernsehsender in Kanton eine 20-Sekunden-Sequenz von den Ereignissen 1989 gezeigt, alle Reporter und Redakteure seien daraufhin entlassen worden.

Eine Art kollektiver Amnesie liegt über China. „Die Geschichte ist eingefroren“, sagt Ma Jian, das Land sei im Koma wie der Protagonist seines Romans – bei Bewusstsein, aber unfähig, etwas zu tun. Die Partei habe alles getan, um das kollektive Gedächtnis zu zerstören. Sehr viele junge Leute aus der Generation der 20-Jährigen wüssten nichts von 1989. Seine eigene erwachsene Tochter, die in China lebt, glaube ihm nicht.

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