Frankreich
Die große Angst vor dem Kapital

Die meisten Franzosen haben keine gute Meinung von Unternehmern und von der Wirtschaft insgesamt. Den ökonomischen Eliten des Landes bereitet diese kapitalismuskritische Einstellung großes Kopfzerbrechen. Frankreichs neuer Staatspräsident muss sein Volk mit der freien Marktwirtschaft versöhnen: eine gewaltige Herausforderung.

PARIS. Antoine Hollard ist in der Welt herumgekommen. Von Sankt Petersburg bis Peking hat er seine Kunden schon in allen Metropolen der Welt besucht. Die Abgeordneten der Duma in Moskau und die Opernliebhaber im Covent Garden in London sitzen auf der Bestuhlung, die Hollards Firma Quinette Gallay im unscheinbaren Pariser Vorort Montreuil hergestellt hat. „Unser neuestes Projekt ist die Oper von Melbourne. Erst gestern waren die Australier bei mir“, erzählt Hollard.

Der mittelständische Unternehmer gehört in Frankreich zu einer seltenen Spezies: Er hat die Herausforderung Globalisierung angenommen. Dabei ist ihm das eigene Land fremd geworden. „In Frankreich hat man vergessen, wer hier für den Wohlstand sorgt“, klagt Hollard.

In der Tat haben seine Landsleute keine gute Meinung von Unternehmern und von der Wirtschaft insgesamt. Die meisten Franzosen glauben, dass der „Wettbewerb das Schlechte im Menschen befördert“, heißt es im World Values Survey. Nur 36 Prozent aller Franzosen sind einverstanden mit der freien Marktwirtschaft, ergab eine Umfrage der Universität Maryland. Nirgendwo ist die Angst vor der Globalisierung so groß wie in Frankreich, stellte das Institut Fondation pour l'innovation politique fest.

Den ökonomischen Eliten des Landes bereitet die kapitalismuskritische Einstellung großes Kopfzerbrechen. Denn sie mündet in eine kollektive Verweigerung der notwendigen Reformen. Manager und Ökonomen hoffen deshalb auf den nächsten Staatspräsidenten. „Er muss Frankreich mit seinen Unternehmen versöhnen“, fordert Arbeitgeberpräsidentin Laurence Parisot. „Da kommt viel pädagogische Arbeit auf ihn zu“, meint Politologin Elvire Fabry von der Fondation pour l'Innovation politique.

Wird das neue Staatsoberhaupt die Herausforderung annehmen? Knapp zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl ist das kaum absehbar. Von der Sozialistin Ségolène Royal erwartet die Wirtschaft nicht viel. Im Wahlkampf recycelt sie die alten linken Rezepte, verspricht einen höheren Mindestlohn und eine Fülle neuer staatlicher Sozialleistungen. Für das Wettrennen um die besten Plätze in der globalisierten Wirtschaft scheint sie sich wenig zu interessieren. Royal pflege keine Kontakt zu Topmanagern und führenden Ökonomen, klagen sogar ihre Parteifreunde.

Hinter den Kulissen der Partie Socialiste (PS) rumort es. Eine Gruppe ökonomisch versierter Sozialisten, die sich nach dem Vorbild des römischen Reformers Tiberius Dracchus „Die Dracchen“ nennt, organisiert den Widerstand gegen überholte linke Dogmen. Mit dabei ist Mathieu Pigasse, früher Spitzenbeamter im Finanzministerium, heute Vizechef der Investmentbank Lazard: „Es wird Zeit für eine ideologische Häutung. Die PS muss endlich die Marktwirtschaft akzeptieren“, sagt er.

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