Frankreich
Le Pen kassiert die Menschenrechte

In einer zähen Rede zu ihren außenpolitischen Vorstellungen enthüllt Le Pen radikale Ziele: Die rechtsextreme Französin ist auf einem Vernichtungsfeldzug gegen die Grundelemente einer liberalen Ordnung. Ein Kommentar.
  • 34

ParisPräsidiales Auftreten, viel heiße Luft, im Kern ein paar radikale Botschaften, die allen Diktatoren gefallen dürften. So ließe sich die Rede Marine Le Pens zu ihren außenpolitischen Vorstellungen zusammenfassen.

In den feinen Räumen der „Salon Hoche“ im Zentrum von Paris las die Front National-Chefin am Donnerstagabend ihre Ansprache vom Blatt ab. Nur am Anfang wurde sie kurz aus der Routine geworfen, als eine halbnackte Femen-Aktivistin ins Publikum stürmte und rief :„Marine, Schein-Feministin!“ Zu dritt zerrten die rabiaten Front-Ordner die Frau aus dem Saal.

Der Rest der Rede war eine Geduldsprobe. Der Text war eine zähe Mischung aus ein ums andere Mal wiederholten Bauklötzen der FN-Ideologie: die Größe Frankreichs, die Bedeutung der Grenzen, die Versklavung der Völker durch die USA und die Globalisierung, die Unterwerfung der europäischen Nationen durch Deutschland, das sich der EU zu seinen Zwecken bediene, die Befreiung der Völker durch den Brexit, Donald Trump und demnächst die FN in Frankreich. Sich eine Stunde lang diesen Cocktail aus Lügen und Bosheiten anzuhören ist eine Zumutung.

Doch lohnt es, die Mühe auf sich zu nehmen. Sollte die FN jemals an die Macht kommen, kann niemand behaupten, er habe es nicht gewusst. Verpackt in ihre schwülstige Rhetorik von Nation und Patriotismus liefert Le Pen ein paar Gedanken, die durch ihre Radikalität das Denken ihres Vaters in den Schatten stellen: von Mäßigung keine Spur.

Das erste Ziel Le Pens in dieser Rede ist es, die Lehre von der universellen Gültigkeit der Menschenrechte zu zerstören. Wie immer bedient sie sich dazu eines Taschenspielertricks: Die Menschenrechte, die überall auf der Welt das Individuum gegen die Übergriffigkeit von Diktatoren und Unrechtsregimen schützen sollen, dreht die Rechtsradikale kurzerhand um in eine Attacke des Westens auf die Selbstbestimmung der Völker.

Dabei wendet sie sich nicht offen gegen die Menschenrechte, sondern verschleiert das Ziel ihrer Polemik. „Es gibt kein System, das universelle Geltung hätte“, formuliert sie etwa. Und: „Unsere Werte sind nicht die Asiens oder Russlands, es ist unzulässig, sie ihnen durch Geld oder Zwang aufzudrücken.“ Nicht die Menschen, denen in Russland oder Asien Rechte vorenthalten werden, sind Le Pens Logik zufolge Opfer, sondern die Alleinherrscher, die der „überhebliche Westen“ an den Pranger stelle.

Die Täter dieser angeblichen Dominanzbestrebungen nannte Le Pen in ihrer Rede auch gleich beim Namen: internationale Organisationen, die USA, Nichtregierungsorganisationen und politische Stiftungen. Da können Naumann-, Friedrich Ebert-, Böll- und Adenauer-Stiftung und alle anderen ähnlichen Organisationen sich schon mal auf etwas gefasst machen: Wladimir Putins Kreuzzug gegen westliche Stiftungen findet nun in Frankreich ein lautes Echo!

Folgerichtig wird das Individuum zum zweiten Angriffsziel Le Pens. Bei der Rechtsextremen taucht es nie als Mensch auf, sondern nur als gefährliche, die Völker bedrohende Tendenz: der „absolute“ oder „schrankenlose“ Individualismus. Gegen den müsse sich die Nation verteidigen.

Seite 1:

Le Pen kassiert die Menschenrechte

Seite 2:

Le Pen deutet kurzen Prozess mit Andersdenkenden an

Kommentare zu " Frankreich: Le Pen kassiert die Menschenrechte"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.



  • @Herr Hans Mayer24.02.2017, 12:38 Uhr

    "Der Herr Europaeer entscheidet bereits wer normal sei und wer nicht,.."..

    Keine Angst Herr Mayer, der Herr Europaeer entscheidet bestenfalls für sich...

  • Hoffentlich hat in Hass umgeschlagene Wut nicht schon sovielen Menschen den Verstand vernebelt, dass sie nicht mehr erkennen können, was diese Frau wirklich vorhat.

    "Der in den vergangenen drei Wahlen angetretene bürgerliche Politiker François Bayrou erklärte am Donnerstag seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur und kündigte seine Unterstützung für Macron an." (http://www.handelsblatt.com/politik/international/wahl-in-frankreich-bayrou-sagt-macron-unterstuetzung-zu/19430378.html).

    Gott sei Dank tun die sich jetzt wenigstens zusammen, um dieses drohende Katastrophenszenario abwehren zu können.

    Schlimmer (als jetzt) gehts nämlich immer. Und wird es auch garantiert (und zwar für ALLE), sollten Le Pen und Konsorten tatsächlich an die Macht kommen.

  • @ G. Nampf
    Und der Unmut isr berechtigt. Denn seit Merkels "Es light nicht in unserer Macht, wie viele denn zu uns kommen" und der Abkanzelung (mein Gott wie diese Bezeichnung passt!) von "Bürgern" zu "Menschen, die schon länger hier leben" sollte jedem Informierten dämmern, dass hier der Weg zu einer Art Weltsozialismus geebnet werden soll, dem Bürgerrechte genauso zum Opfer fallen werden wie Eigentumsrechte. Thomas Barnett hat doch öffentlich von sich gegeben, wie sich die NWO vorstellt und das Ding scheint langsam anzurollen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%