Zum Frankreich Wahl 2017 Special von Handelsblatt Online

Wahl in Frankreich
Weniger Bürger geben bis Mittag ihre Stimme ab

Bis Mittag hat die Wahlbeteiligung in Frankreich bei 28 Prozent gelegen und fällt damit geringer als vor fünf Jahren aus. Macron und Le Pen wählten am Vormittag. Die Abstimmung ist entscheidend für die Zukunft der EU.
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ParisIn einer der wichtigsten Richtungswahlen seit Jahrzehnten in Europa entscheiden die Franzosen darüber, ob ihr Land künftig von einem linksliberalen Präsidenten Emmanuel Macron oder einer rechtsextremen Präsidentin Marine Le Pen regiert wird. Als klarer Favorit gilt der unabhängige Kandidat Macron, der in letzten Umfragen 24 Prozentpunkte vor seiner Konkurrentin vom Front National lag. Ein Unsicherheitsfaktor ist indes die Wahlbeteiligung, die bis zum Mittag geringer ausfiel als vor fünf Jahren. Meinungsforschern zufolge könnte ein Viertel der Wähler den Urnen fernbleiben, vor allem Anhänger der Linken, die sich von beiden Kandidaten nicht vertreten fühlen. Allerdings lag die Beteiligung nur geringfügig unter der des ersten Wahlgangs vor zwei Wochen, den Macron gewonnen hatte.

Macron gab seine Stimme am Vormittag in Le Touquet ab. „Wir haben gewählt, das ist erledigt, nun begebe ich mich in die Hände des Schicksals“, sagte er beim Verlassen des Wahllokals. „Ansonsten appelliere ich an unsere Mitbürger, wählen zu gehen und diese wichtige Bürgerspflicht zu erfüllen, für die so viele Menschen kämpfen mussten.“ Le Pen gab ihre Stimme in Henin-Beaumont ab, das ebenso wie Le Touquet im nordfranzösischen Departement Pas de Calais am Ärmelkanal liegt. Die 48-Jährige lächelte und gönnte sich ein kurzes Bad in der Menge, ehe sie ins Auto stieg. Fragen der Journalisten ließ sie unbeantwortet.

Bis Mittag habe die Wahlbeteiligung bei 28,23 Prozent gelegen nach 30,7 Prozent vor fünf Jahren, erklärte das Innenministerium. Allerdings lag die Beteiligung nur minimal unter der des ersten Wahlgangs, wo sie am Schluss rund 80 Prozent betrug. Für die Stichwahl prognostiziert eine Umfrage vom Freitag eine Beteiligung von 75 Prozent. Insgesamt sind knapp 47 Millionen Franzosen aufgerufen, ihr Staatsoberhaupt zu wählen. Mehr als 50.000 Polizisten und Gendarmen schützen den Urnengang unterstützt von 7000 Soldaten. In Frankreich gilt nach einer Serie schwerer Anschläge mitüber 230 Toten noch immer der Ausnahmezustand. Am Mittag wurde der Platz vor dem Louvre, wo am Abend Macrons Wahlparty stattfinden soll, wegen einer verdächtigen Tasche vorübergehend geräumt.

Die Kandidaten könnten unterschiedlicher nicht sein: Le Pen will Frankreich aus der EU führen und strebt ein Referendum über einen Euro-Austritt an. Der 39-jährige Ex-Wirtschaftsminister Macron mit seiner Bewegung En Marche (Vorwärts) will dagegen die europäische Integration vertiefen und die deutsch-französische Achse stärken. Dass es kein Kandidat der großen Volksparteien in die Endrunde schaffte, zeigt, wie unzufrieden die Wähler mit deren Arbeit sind.

Le Pen wiederum dürfte selbst bei einer Niederlage etwa doppelt so viele Stimmen einfahren wie 2002, als ihr Vater und Front-National-Gründer Jean-Marie le Pen es in die Stichwahl schaffte.

Die Wahl gilt als entscheidend für die Zukunft der Europäischen Union, deren Herz Deutschland und Frankreich bilden. Eine EU-feindlichen Le Pen als französische Präsidentin dürfte das Ende der EU in ihrer jetzigen Form bedeuten, zumal die Gemeinschaft bereits durch den anstehenden Ausstieg der Briten geschwächt ist. Ein Sieg Macrons wiederum würde als Zeichen gesehen, dass der Vormarsch der Rechtspopulisten nach dem Erfolg von Donald Trump in der US-Präsidentenwahl nicht ungebrochen weitergeht.

Fährt Macron tatsächlich den Sieg ein, muss er sich auf eine harte Amtszeit einstellen. Fast 60 Prozent der Bürger, die für ihn stimmen wollen, tun dies nicht aus Zustimmung für das Programm des früheren Investmentbankers, sondern weil sie Le Pen verhindern wollen. „Ich stimme eigentlich mit keinem der beiden Kandidaten wirklich überein“, sagte die Psychotherapeutin Denise Dulliand, die in Annecy wählte. „Aber ich wollte meine Stimme abgeben, um sagen zu können, dass ich dabei war – obwohl ich nicht zufrieden damit bin, was in unserem Land geschieht, und ich mir weniger Dummheit, weniger Geld und mehr Solidarität wünschen würde.“

Das Ringen zwischen den etablierten Parteien und radikaleren Strömungen in Frankreich wird sich bis in die Parlamentswahlen im Juni hineinziehen. Dabei wird das neue Staatsoberhaupt versuchen, eine eigene Mehrheit zu erlangen. Eine Umfrage in dieser Woche deutete an, dass Macron dies gelingen könnte.

Für Unruhe sorgte unmittelbar vor der Wahl die Nachricht über einen massiven Hackerangriff auf Macrons Bewegung. Die Angreifer hätten gestohlene Emails, Dokumente und Daten zur Finanzierung der Kampagne direkt vor Wahlkampfschluss ins Netz gestellt, kritisierte das Team des Kandidaten.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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