Frankreichs Außenpolitik
Kandidaten suchen noch ihr Profil

Markiert die Präsidentschaftswahl und damit das Ende der Ära Chirac einen außenpolitischen Neuanfang für Frankreich? Experten glauben nicht daran. Allenfalls der Stil der Außenpolitik werde sich ändern, meinen sie, nicht aber die Substanz.

PARIS. Er herrscht über das zweitgrößte Diplomatennetz der Welt mit 156 Botschaften und 86 Generalkonsulaten. Er befehligt rund 15 000 im Ausland stationierte Soldaten. Und er verfügt über einen Sitz im Uno-Sicherheitsrat, dem wichtigsten internationalen Gremium zur Konfliktlösung. Frankreichs Staatspräsident hat beträchtliche Möglichkeiten, um rund um den Globus Präsenz zu zeigen. „Doch wie verwandelt man diese Präsenz in politischen Einfluss?“, fragt der Pariser Politologe Frédéric Charillon.

Die Antwort des künftigen Staatsoberhauptes auf diese Frage ist aus den Programmen der Kandidaten nur undeutlich abzuleiten. Im Wahlkampf setzten die Bewerber zwar bisweilen überraschende außenpolitische Akzente. Die Sozialistin Ségolène Royal erregte Aufsehen mit ihrer Forderung nach einer knallharten Gangart gegenüber Iran. Man müsse dem Regime in Teheran nicht nur die militärische, sondern auch die zivile Nutzung der Atomenergie verbieten, verlangte die Sozialistin. Damit ging Royal deutlich auf Distanz zum noch amtierenden Präsidenten. Jacques Chirac war stets an guten Beziehungen zu Ländern im Mittleren Osten, vor allem den arabischen, gelegen. Irans Atombombe hatte er – abweichend vom offiziellen französischen Kurs – unlängst in einem Interview sogar als unvermeidliches und letztlich hinnehmbares Übel dargestellt.

Auch der konservative Bewerber Nicolas Sarkozy setzte sich zeitweise deutlich von Chiracs Außenpolitik ab – und zwar vor allem mit seinen starken transatlantischen Freundschaftsbekundungen. „Ich bin stolz darauf, dass man mich Sarkozy, den Amerikaner, nennt“, sagte der Kandidat der Rechten vergangenes Jahr bei einem US-Besuch – und schockte damit die traditionell amerikakritische Nation.

Markiert das Ende der Ära Chirac also einen außenpolitischen Neuanfang für Frankreich? Französische Experten glauben nicht daran. Zwar werde es nach der Wahl eine „Phase relativer Unsicherheit“ geben, sagt der frühere Außenminister Hubert Védrine. „Mag sein, dass Sarkozy im Falle eines Wahlsieges erst einmal einige transatlantische Akzente setzt“, glaubt auch Thierry de Montbrial, Direktor des Think-Tanks Institut Francais des Relations internationales (IFRI). „Doch am Ende werden wir zu den Grundsätzen der französischen Außenpolitik zurückkehren“, glauben sowohl Védrine als auch Montbrial.

Diese Prinzipien lauten vereinfacht gesagt: Frankreich hält kritische Distanz zur Weltmacht Amerika, pflegt enge freundschaftliche Beziehungen zur arabischen Welt, sorgt in seinem Hinterhof Afrika notfalls auch mit militärischen Mitteln für Ruhe und Ordnung und hält natürlich an seinem Status als Atommacht fest.

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