Friedensnobelpreis
China demonstriert seine Macht

Die heutige Verleihung des Friedensnobelpreises an den chinesischen Regimekritiker Liu Xiaobo wird überschattet von Reaktionen der chinesischen Führung. Mitstreiter von Xiaobo werden festgenommen. Viele Länder bleiben der Zeremonie fern.
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HB PEKING. Ein enger Freund des inhaftierten chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ist in Peking in Haft genommen worden. Zhang Zuhua, Mitverfasser der „Charta 08“ für Demokratie und Menschenrechte in China, sei am gestrigen Donnerstag auf offener Straße von Angehörigen der Staatssicherheit in einen Kleinbus gezerrt und verschleppt worden, berichtet die Menschenrechtsorganisation Chinese Human Rights Defenders (CHRD).

Weitere Aktivisten seien vor der Zeremonie zur Verleihung des Nobelpreises an diesem Freitag in Oslo aufgegriffen worden und verschwunden. Unter ihnen seien der Akademiker Cui Weiping und der Journalist Gao Yu in Peking sowie in Xi'an der Aktivist Yang Hai und der Menschenrechtsanwalt Zhang Jiankang. Zuvor waren bereits Dutzende Regimekritiker festgenommen, unter Hausarrest gestellt, an andere Orte gebracht oder mit Drohungen eingeschüchtert worden.

Derweil werden 19 Staaten der Verleihung des Preises aus Angst vor oder Freundschaft zu China fernbleiben. Darunter befinden sich Kuba und Saudi Arabien, Kasachstan und Vietnam sowie Ägypten. Der Sprecher der chinesisches Außenminister Jiang Yu hatte die Zeremonie zuvor als „Farce“ bezeichnet, durchgeführt von „Clowns“. Die Zahl der fernbleibenden Länder hat sich in diesem Jahr verdoppelt. Das zeige Chinas wachsenden Einfluss, ausgelöst durch seine wachsende Wirtschaftsmacht, sagte Iver B. Neumann, Direktor des Norwegischen Instituts für Internationale Beziehungen. „China ist die aufsteigende Macht dieses Jahrhunderts”, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg den Wissenschaftler. „Das ist eines der zentralen Dramen der derzeitigen Weltpolitik“.

Die Macht Chinas bekamen gestern auch die Bürgerrechtler im eigenen Land zu spüren. Zhang Zuhua, der maßgeblich an der Veröffentlichung der „Charta 08“ mitgewirkt hatte, war aufgefordert worden, die Hauptstadt zusammen mit Agenten der Staatssicherheit für ein paar Tage zu verlassen, hatte sich aber geweigert. Er steht seit langem unter strenger Beobachtung und war nach der Bekanntwerden der „Charta 08“ vor zwei Jahren mehrfach verhört worden. Neben persönlichen Dingen seien damals auch die Ersparnisse seiner Eltern beschlagnahmt worden, berichtete CHRD.

In Oslo organisieren chinesische Diplomaten nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Proteste gegen die Verleihung des Nobelpreises an Liu Xiabo. In Norwegen ansässige Chinesen seien „systematisch unter Druck gesetzt worden“, sich an Demonstrationen zu beteiligen. Es habe in den vergangenen zwei Monaten wiederholt Besuche und Aufrufe zu Treffen gegeben. Den Betroffenen seien „ernste Konsequenzen“ angedroht worden, falls sie nicht zu den Demonstrationen erscheinen sollten, schrieb Amnesty.

„Wir sind geschockt, dass chinesische Behörden diese repressive Atmosphäre von Peking nach Oslo bringen“, sagte John Peter Egnaes, der norwegische Amnesty-Direktor laut einer Mitteilung.

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  • Aus rein wirtschaftlichen interessen und behuetet durch ein moralischem Feigenblatt in Form des immer gleichen Argumentes, China wuerde eines Tages demokratisch werden, macht die ganze Welt Geschæfte mit der Diktatur. Das nennt man Doppelmoral - oder Heuchelei. in Situationen, in denen ein kleines Land wie Norwegen den Mut hat, die ganze Welt vorzufuehren, wird zwar eifrig applaudiert, gleichzeit aber betreten weg geschaut. Und China zeigt mal wieder sein wahres Gesicht. Da darf man sich fragen, wie tatsæchlich die Zukunft aussehen wird? Vermutlich wird die Welt auch dann weg schauen, wenn die Chinesen ihre Form des wirtschaftlich-demokratischen Verstændnisses nach Afrika exportiert haben und sich den Kontinent unter den Nagel gerissen haben. Mahnende und warnende Worte werden allerdings vermutlich wie ueblich durch die Gier nach Geld und durch die Abhængigkeit nach Rohstoffen hinweggefegt. Vermutlich so lange, bis die Chinesen die auf ungleich verteilten neuen Wohlstand basierenden sozialen Probleme im eigegnen Land nicht mehr in den Griff bekommen und es ein zweites 1989 im grossen Stil geben wird. Dann schaut die Welt mal wieder einfach nur zu und lehnt sich zurueck in den bequemen Fernsehsessel made in China.

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