Front National
Die Partei von Nebenan

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Le Pen hat Chancen, die Wahl zu gewinnen

Am Rednerpult rollt der „ENArque“, ein Wortspiel, zusammengesetzt aus den Kürzeln der Eliteuni ENA und Monarch, die Standardrhetorik des FN aus: Frankreich ist geknechtet, unmündig gehalten von „Papa NATO und Mama EU“, doch wenn Marine regiert, wird es wieder erwachsen. Die Zukunft ist ein Zurück in die gesunde Vergangenheit, „die Rückkehr in eine Welt, wie sie Jahrhunderte hindurch bestanden hat, mit einem Frankreich, das eine gestaltende Rolle spielt, in der es einen Pakt gab zwischen der Größe Frankreichs und der Freiheit der Welt.“ Ja, der FN wolle aus Euro, EU und Nato raus, sagt Messiha unumwunden, „das ist kein Spaziergang im Kurpark, aber es ist allemal besser, die Freiheit zu wählen, als beherrscht zu werden.“

Eine Hymne an Marine darf an dieser Stelle nicht fehlen: „Frankreich ist noch da, es ist schön und stark wie Sie, Madame Präsidentin.“ Auch wenn Armut und Elend groß seien derzeit, „die Glut ist noch da, das Feuer kann wieder auflodern“, entzückt sich der Elitebeamte. Macron, den derzeit wohl wichtigsten Gegenspieler des Front – der Konservative Fillon ist durch seinen Finanzskandal gelähmt – fertigt Messiha im Vorbeigehen als „Dorian Gray Frankreichs“ ab, der hinter seinem jugendlichen Aussehen „alte Rezepte der Globalisierung und der Wirtschaft, die über allem steht“, verberge.
Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, dumpfe Anti-Migranten-Rhetorik, sie sind weit weg, wenn man dem Mann zuhört, der Marine Le Pens Wahlprogramm ausgearbeitet hat und auch darüber hinaus eine Schlüsselrolle spielt: Er organisiert einen Zirkel, in dem sich hohe Beamte mit Sympathie für den FN treffen. Nach ihm dürfen junge FN-Mitglieder auf die Bühne, alle gut aussehend, gestylt und eloquent.

Die Partei hat sich „dediabolisiert“, wörtlich: „entteufelt“, sie ist wählbar geworden für viele ganz normale Franzosen. In der Wandelhalle des Kongresszentrums treffen wir Ludovic, Sohn italienischer Einwanderer, der als Feuerwehrmann in Bordeaux arbeitet und erst seit einem Jahr in der Partei ist. Früher habe er die Linke und die Rechte ausprobiert und in der Gewerkschaft sei er auch gewesen, sagt er. In welcher? Er schaut sich kurz um: „Ich weiß nicht, ob ich das hier sagen soll – in der CGT.“ Das ist die Gewerkschaft, die den Kommunisten nahe steht. Für den FN hat er sich entschieden, weil die „den öffentlichen Dienst verteidigt gegen den ständigen Personalabbau, der unter Nicolas Sarkozy begonnen hat“.
Manches stört ihn noch an der Partei, als Sohn von Italienern sei er zum Beispiel für die doppelte Staatsbürgerschaft und auch nicht gegen die EU, sondern „für eine kleinere Gemeinschaft, so wie früher das Europa der Zwölf“. Und Frankreich solle mehr Autonomie bekommen. Ludovic ist grundsympathisch, sicher kein Fremdenfeind und kein primitiver Anti-Europäer. Er sieht manches skeptisch an der Front, vor allem ihre Vergangenheit: „Mich zieht nichts an am Rassismus“, betont er. „Aber der FN hat sich zu seiner positiven Seite hin entwickelt.“

In diesem Moment beschleicht einen der Gedanke: Wenn so moderate Franzosen sich ihr anschließen, kann Marine Le Pen vielleicht doch die Präsidentschaftswahl gewinnen?

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Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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