Gewalt in Kiew
Polizei stürmt den Unabhängigkeitsplatz

In Kiew eskaliert die Lage: Bei gewaltsamen Protesten kamen nach Behördenangaben neun Menschen um. Medienberichten zufolge haben schwer bewaffnete Sicherheitskräfte mit der Erstürmung des Maidan begonnen.
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Moskau/KiewSchwer bewaffnete Sicherheitskräfte haben in Kiew begonnen, den von Tausenden Regierungsgegnern besetzten Unabhängigkeitsplatz zu stürmen. Das berichteten örtliche Medien am Dienstagabend. Es gab mehrere Explosionen, wie ein AFP-Reporter berichtete. Die Polizei bewegte sich langsam mit Wasserwerfern zum Maidan vor. Vereinzelt marschierten zudem Spezialpolizisten der Berkut-Einheiten auf die brennenden Barrikaden zu. Demonstranten schossen mit Feuerwerkskörpern und versuchten, die Sicherheitskräfte mit starken Laserpointern zu blenden.

Das Innenministerium hatte kurz vor Beginn des Einsatzes die etwa 20.000 versammelten Regierungsgegner zum Verlassen des Platzes aufgefordert. Es folge eine „Anti-Terror-Operation“, hieß es.

Der ukrainische Oppositionsführer Vitali Klitschko rief Kindern und Frauen auf, den Unabhängigkeitsplatz in Kiew zu verlassen. Damit sollten weitere Opfer vermieden werden, sagte Klitschko am Dienstagnachmittag nach einem Fernseh-Bericht. Er appellierte an den Präsidenten Viktor Janukowitsch und an die Sicherheitskräfte, keine Gewalt gegen die Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz einzusetzen. „Wir können den Einsatz von Gewalt bei einer Räumung des Maidan nicht ausschließen“, erklärte Klitschko.

Auch das seit Sonntag geräumte Rathaus wurde wieder von proeuropäischen Demonstranten besetzt. Etwa 30 Menschen befanden sich am Dienstagabend im Innern des Gebäudes und richteten dort eine notdürftige Krankenstation ein, während andere Protestierende den Eingang bewachten, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete.

Bei den Straßenschlachten in Kiew waren zuvor nach offiziellen Angaben mindestens neun Menschen ums Leben gekommen. Sieben Zivilisten und zwei Sicherheitskräfte seien getötet worden, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag der Agentur Interfax. Den Angaben zufolge sollen mindestens zwei Demonstranten und zwei Polizisten jeweils durch Schüsse getötet worden sein.

Über den Kurznachrichtendienst Twitter schickten die Aktivisten des sogenannten Euromaidan ein Foto mutmaßlich Getöteter. Darauf sind zwei Menschen zu sehen, die mit Papier bedeckt sind. Sie sollen mit Schüssen in Herz und Kopf niedergestreckt worden sein. Die Opposition machte Mitglieder der berüchtigten Polizei-Spezialeinheit Berkut (Steinadler) verantwortlich.

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  • Ich glaube nicht, dass sie den Durchblick haben!

  • Die Mehrheit der Ukrainer will kein gespaltenes Land.
    Am sinnvollsten wäre eine große Koalition mit den beiden größten Parteien "der Partei der Regionen" und der Oppositionspartei "Vaterland" mit Jazenjuk. Allerdings ist Jazenjuk wohl des geblendeten Glaubens, dass er die Mehrheit der Ukraine repräsentiert. Östlich des Dnjper sieht die Situation aber anders aus als in Kiev oder in
    Lviv. Dass müsste Jazenjuk eigentlich wissen, da seine Partei doch in vielen Landesteilen gut organisiert ist. Timoschenko ist zwar auch nicht die "blütenweiße Demokratin", aber sie hätte wohl keine Eskalation wie in Kiev befürwortet, an denen die Demonstranten einen erheblichen Anteil haben.
    Aber auch die Regierungspartei "Partei der Regionen" muss sich reformieren. Ob dies in Zukunft mit Janukowitsch möglich ist, dürfte zweifelhaft sein.

  • Wo ist die Kanzlerin?

    Hatten wir nicht aus den TV-Nachrichten entnommen, dass sie keine Zusagen an Herrn Klitschko machen wollte, um mit beiden Seiten im Gespräch bleiben zu können.

    Wo ist Herr Steinmeier?

    War er nicht unlängst in Moskau. Das Thema Ukraine wurde doch gewiss auch angesprochen.

    Wie ist die Haltung der Bundesregierung, wie die Haltung der EU? Oder waren die Bilder für den Wahlkampf gedacht?

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