Gipfeltreffen
Finanzkrise: Ohnmacht macht klein

Ein Gipfeltreffen jagt das nächste. Doch was auch immer die Finanzmächtigen der Welt beschließen, die Finanzkrise scheint ihnen stets einen Schritt voraus zu sein.

WASHINGTON/NEW YORK. Die Rettung der Welt muss warten. „Warum sind Sie hier?“ fragt der Einreisebeamte mit monotoner Stimme. In der Ankunftshalle des Washingtoner Flughafens Dulles räkelt sich eine kaum enden wollende Schlange vor der Passkontrolle. Mittendrin stecken viele Banker fest, die am Freitag zum Finanzkrisengipfel in Amerikas Hauptstadt geeilt sind. Ihre Augen sind müde, ihre Gesichter noch blasser als die der anderen Reisenden. Norbert Walter zum Beispiel. Der Chefökonom der Deutschen Bank steht ganz am Schluss der Schlange. Die Krawatte ist verrutscht. Seine Augen wandern herüber zur Passkontrolle, zum Schlangenkopf. Doch dort bewegt sich kaum etwas.

„Sie wollen die Finanzkrise bekämpfen?“ fragt der Einreisebeamte mit leichter Ironie in seiner Südstaaten-Stimme. „Dann müssen Sie sich beeilen. Viel Glück!“ Sein Stempel saust mit einem lauten Knall auf den Pass hinunter. „Nächster!“

Kaum sind die Finanzmächtigen endlich der Schlange entronnen, sind sie schon wieder zu spät. Die Panik an der Wall Street hat gerade einen neuen Höhepunkt erreicht. Die US-Börse ist um fast 700 Punkte eingebrochen. Es ist der schlimmste Absturz seit dem schwarzen Montag von 1987.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt Harry Kohn. Seit zehn Jahren arbeitet er als Aktienhändler an der Wall Street. Mit einem Kopfschütteln fügt er hinzu: „Selbst erfahrenen Leuten steht die nackte Angst ins Gesicht geschrieben. Die müssen jetzt die Welt retten“, sagt Krohn, „und das ist keine Übertreibung.“ „Die“, das ist die Finanzelite, die sich zum Gipfel des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington trifft.

Irgendwie ist ihr die Finanzkrise immer einen Schritt voraus. Wie der Igel dem Hasen. Hat der Schnelle aufgeholt, schlägt ihm der Stachelige wieder ein Schnippchen, und es geht von vorne los. Ackermann und Blessing, Steinbrück und Weber: Ihnen ergeht es nicht besser. Donnerstag Frankfurt oder Berlin, Freitag/Samstag Washington, Sonntag Paris. Ob sie doch noch gewinnen können, wissen sie erst heute – wenn die Börsen auf der Welt wieder aufmachen.

Mit dem mulmigen Gefühl, den Märkten hinterherzulaufen, sind die obersten Krisenmanager Europas Donnerstag ins Flugzeug nach Washington gestiegen. An Bord der Maschine LH 418 sitzt nicht nur Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Plätze in der First Class der Boeing 747 haben auch Bundesbankpräsident Axel Weber, Commerzbank-Vorstand Markus Beumer und Weltökonom Walter von der Deutschen Bank gebucht. Nur Jean-Claude Trichet, der Chef der Europäischen Zentralbank, muss mit der Business-Klasse vorliebnehmen, die Erste war schon ausgebucht.

In normalen Zeiten hätte es einen gemeinsamen Flug der wichtigsten Akteure in Europas Finanzwelt nicht gegeben – zu riskant. Selbst in Deutschland gilt seit Jahren das ungeschriebene Gesetz, dass Bundesbankpräsident und Bundesfinanzminister nie in einer Maschine sitzen. Die Finanzkrise hat solche Regeln außer Kraft gesetzt. Es gilt, jede Minute zu nutzen, um Lösungen zu besprechen. Über den Wolken sind nun acht ungestörte Stunden Zeit, die vergangenen Tage zu analysieren und zu verstehen, warum sogar die konzertierte Zinssenkung der Notenbanken verpuffte.

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