Griechenland
Haie mit provozierend niedrigem Einkommen

Viele Griechen betreiben Steuerhinterziehung als eine Art Volkssport. Experten schätzen, dass die Schattenwirtschaft knapp ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. "Wenn alle ehrlich ihre Steuern zahlen würden, hätten wir überhaupt kein Defizitproblem", glaubt Finanzminister Giannis Papathanassiou.

ATHEN. Die fünf Männer kamen inkognito auf die griechische Ägäisinsel Limnos, mit der Fähre aus Piräus. Aber in den Tavernen und Geschäften der Inselhauptstadt Myrina blieb ihre Identität nicht lange geheim. Wie ein Lauffeuer sprach es sich herum: Die Steuerfahnder sind da! Als die Beamten am ersten Abend ein Restaurant aufsuchten, speisten und dann ihre Ausweise zückten, flogen Eier und Tomaten. "Schert euch hier weg, treibt eure Steuern bei den Reedern in Athen ein", schimpften erboste Insulaner. Die Polizei brachte die Beamten mit einem Streifenwagen in Sicherheit. Anderntags verließen sie unverrichteter Dinge die Insel.

Die Episode zeigt, mit welchen Widerständen der griechische Finanzminister Giannis Papathanassiou zu kämpfen hat, wenn er Steuern einzutreiben versucht. Dabei braucht er gerade jetzt jeden Euro. Schon 2008 erreichte das Haushaltsdefizit fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In den ersten sechs Monaten dieses Jahres brachen die Steuereinnahmen um 3,3 Prozent ein - angesetzt war im Budget ein Zuwachs von knapp 15 Prozent. Damit erreichte das Etatdefizit bereits knapp 18 Mrd. Euro - fast acht Prozent vom BIP. Zugleich stiegen die Ausgaben um ein Fünftel. Papathanassiou steht unter Druck: Im Frühjahr leitete die EU ein Defizitverfahren gegen die Griechen ein. Schon 2010 soll Athen die Defizitquote unter drei Prozent drücken, wie es der EU-Stabilitätspakt vorschreibt - ein gewaltiger Kraftakt.

Zumal viele Griechen Steuerhinterziehung als eine Art Volkssport betreiben. Jeder Hellene weiß, wie einfach es vor allem für viele Selbstständige ist, den Fiskus hinters Licht zu führen. In der Arztpraxis verschwindet das in bar gezahlte Honorar diskret in der Schreibtischschublade des Doktors. Und wer vom Klempner nach der Reparatur der Toilettenspülung einen Beleg verlangt, kann sicher sein, dass ihn der Handwerker beim nächsten Rohrbruch sitzen lässt. Fachleute schätzen, dass die Schattenwirtschaft knapp ein Drittel des BIP ausmacht. Geschäfte im Volumen von rund 80 Mrd. Euro werden demnach dieses Jahr am Fiskus vorbei abgewickelt. Wie viel Geld genau ihm die Steuersünder vorenthalten, weiß auch Finanzminister Papathanassiou nicht, aber er ahnt: "Wenn alle ehrlich ihre Steuern zahlen würden, hätten wir überhaupt kein Defizitproblem."

Ärzte, die am Wochenende mit der Privatyacht durch die Ägäis pflügen, aber ein Jahreseinkommen von gerade mal 20 000 Euro versteuern, Rechtsanwälte, die im dicken Geländewagen herumkurven, dem Finanzamt aber nur Honorareinnahmen in Höhe des Grundfreibetrags deklarieren - in Griechenland ist das fast die Regel. Jetzt macht Papathanassiou Jagd auf dreiste Steuersünder. "Tekmirio" heißt das Zauberwort, was soviel wie Anhaltspunkt bedeutet. Das Motto lautet: mein Haus, mein Auto, mein Boot - meine Steuererklärung. Wer eine Eigentumswohnung von über 120 Quadratmetern sein Eigen nennt, ein Auto mit mehr als 1,9 Litern Hubraum fährt, ein Sportboot von mehr als zehn Metern Länge steuert, seine Kinder auf eine teure Privatschule schickt oder hohe Lebensversicherungsbeiträge zahlt, wird künftig vom Finanzamt auf ein entsprechendes Einkommen taxiert und danach besteuert. Auch die Kreditkartenumsätze gleicht der Fiskus künftig mit dem gemeldeten Einkommen ab. Die Jagd gelte jenen, die "provozierend niedrige Einkommen deklarieren, zugleich aber einen aufwändigen Lebensstil führen", sagt Papathanassiou: "Wir sind hinter den Haien her, nicht den kleinen Fischen."

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%