Griechenland-Krise
Tsipras Superstar

Europa staunt: Der griechische Premier Alexis Tsipras ruiniert sein Land – doch seiner Beliebtheit schadet das nicht. Im Gegenteil: Mehr als die Hälfte der Griechen findet seine Politik richtig gut. Wie kann das sein?
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AthenGeschlossene Banken, lange Schlangen vor den Geldautomaten, Hamsterkäufe in den Supermärkten, Kurzarbeit in immer mehr Unternehmen – ein Land vor dem Zusammenbruch. In solchen Krisensituationen, wie sie kein westeuropäisches Land seit Kriegsende erlebt hat, könnte die Versuchung für das Volk groß sein, sich eine andere Regierung zu suchen.

In Griechenland passiert das Gegenteil: Der Links-Premier Alexis Tsipras, der sein Land in nur sechs Monaten an den Abgrund des Staatsbankrotts führte, der um ein Haar sogar den Euro verspielt hätte, die Gemeinschaftswährung, an der drei von vier Griechen unbedingt festhalten wollen, genießt ungebrochene Popularität. Fast 60 Prozent finden seine Politik gut. Kein anderer Politiker des Landes kommt auf nur annähernd solche Zustimmungswerte wie Tsipras.

Und obwohl sich der linksextremistische und der etwas gemäßigtere Flügel der Regierungspartei Syriza inzwischen bis aufs Blut befehden und ein Auseinanderbrechen des Linksbündnisses wohl nicht mehr abzuwenden ist, würde die Partei nicht nur wiedergewählt, müssten die Griechen jetzt zu den Urnen gehen. Sie bekäme sogar deutlich mehr Stimmen als bei der Wahl im Januar, nämlich 42,5 statt 36 Prozent – und hätte damit Aussicht, auf eine stattliche absolute Mehrheit im neuen Parlament. Das ist umso erstaunlicher, weil zugleich 58 Prozent der Griechen erwarten, dass sich ihre persönliche wirtschaftliche Situation in nächster Zeit weiter verschlechtern wird. Nur 9,5 Prozent rechnen mit einer Besserung.

Hellas, ein Land der Rätsel. Europa bestaunt fassungslos den Höhenflug eines Volksverführers, wie es ihn auf diesem Kontinent seit Kriegsende noch nie gegeben hat. Sein Land stürzt ab, aber Tsipras steigt auf. 62 Prozent der Bürger, so eine Umfrage vom Juni, halten ihn für den geeignetsten Ministerpräsidenten. Seinem konservativen Vorgänger Antonis Samaras trauen nur 20 Prozent eine Eignung für das Amt zu.

Dass die Griechen anders ticken, merkte man schon bei der Volksabstimmung von Anfang Juli. Als Tsipras nach fünfmonatigem Verhandlungspoker merkte, dass er um ein hartes Spar- und Reformprogramm nicht herumkommen würde, er große Teile seiner Partei aber nicht mehr hinter sich hatte, setzte er überraschend das Referendum an. Öffentlich warb Tsipras zwar für ein Nein zu den Vorschlägen der Gläubiger. Aber es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass er insgeheim auf ein Ja hoffte – gestützt auch auf entsprechende Meinungsumfragen. Das berichten auch europäische Gesprächspartner des griechischen Premiers. Ein Ja hätte es ihm ermöglicht, schnell einen Deal mit der EU zu schließen. Stattdessen stimmten mehr als 61 Prozent der Griechen mit Nein.

Finanzminister Yanis Varoufakis, einer der Inspiratoren der Volksabstimmung, berichtet, er habe nach dem Votum in der Regierungszentrale nicht Jubel sondern eine Art Weltuntergangsstimmung angetroffen. Tsipras und seine Berater hätten mit ernsten Mienen diskutiert, wie man mit dem unerwarteten Abstimmungsergebnis umgehen solle.

Aber die Sorgen erwiesen sich als unbegründet: Nun erklären plötzlich in Meinungsumfragen 70 Prozent der Griechen, sie seien für das neue Sparprogramm – das um vieles härter ist als jenes, das sie im Referendum noch zwei Wochen zuvor zu 61 Prozent ablehnten.

Kommentare zu " Griechenland-Krise: Tsipras Superstar"

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  • Der Artikel ist demagogisch und die Gegebenheiten verfälschend, sodass ich mich zu folgender Stellungnahme veranlasst sehe:
    1.Es blieb unerwähnt, dass a) die Vorgängerregierungen viel Schaden anrichteten, und b) die griechische Regierung keine eigenständige Politik machen kann; weil es
    2. die offensichtliche Strategie der Institutionen bzw. der Eurogruppe bisher war , Vorschläge einfordern, um sie dann abzulehnen.Dies wird dann dem Volk als Unfähigkeit der griechischen Regierung verkauft.Willige "Journalisten", die diesen Job übernehmen, gibt es leider in großer Zahl; und
    3. die Vorschläge, die von den Institutionen kommen, laufen
    darauf hinaus, dass Griechenland eine weitere Sparrunde einlegt - sei es
    beim öffentlichen Haushalt, sei es bei höheren Steuern. Das wird die Wirtschaft
    weiter schwächen und noch mehr Menschen in Not bringen.
    4. Dass Tsipras nach dem "Nein-Referendum" dennoch den Vorschlägen zustimmte ( und auch die Mehrheit im Parlament), beweist nur, dass man eigentlich nur die Wahl hatte zwischen Pest und Cholera; und Letzteres vorzuziehen zeugt von politischer Größe und Verantwortungsgefühl. Denn der Grexit - ohne wirkliche Unterstützung durch die Eurogruppe (und davon muss man nach den bisherigen Erfahrungen ausgehen) - hätte ein unkalkulierbares Chaos ausgelöst.
    5. Zielsetzung von den tonangebenden Hardlinern um Scheuble, ist ja wohl auch, die Syriza aus der Regierung zu kegeln, um ähnliche Regierungen in anderen Eurozonen-Ländern (z.B. Spanien) zu verhindern: das Diktat des Geldes und nicht die Solidarität und die allgemeine Wohlfahrt soll nach wie vor die EU-Politik dominieren.
    6. Ein Schuldenschnitt ist natürlich auch in der Eurozone möglich (auch wenn dies Scheuble ; es gab ihn ja auch schon (teilweise):2012.
    7. Es gibt übrigens ganz aktuell eine IWF-Studie die Tsipras und Varoufakis recht geben: Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass Griechenland rund 50 Milliarden zusätzlich an Hilfe und einen Schuldenschnitt benötigt!

  • "Dem Premier gelang es, seinen Landsleuten den Brüsseler Deal als „bestmögliche Vereinbarung“ zu verkaufen. ...Demagogie ... . Ihm nehmen die Griechen alles ab."
    -
    ... alles ab - Schwachsinn - gegenüber einem Staatsbankrott ist diese eine sehr vorteilhafte Alternative - das versteht die Mehrheit der Griechen sofort, dafür braucht es keine Demagogie.
    =>
    - "Hellas, [k]ein Land der Rätsel"
    - "Nun erklären [nicht] plötzlich ... sie seien für das neue Sparprogramm "
    - "Das ist [nicht] umso erstaunlicher, ..."

  • "Aber es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass er insgeheim auf ein Ja hoffte ... ."

    Hier liegt der Autor richtig - ansonsten hätte Tsipras nicht die aktuelle Vereinbarung unterzeichnet.
    ___

    "Keiner beherrscht die Klaviatur der Demagogie so fingerfertig wie Tsipras."

    Hier hat der Autor insofern recht, dass er diese beherrscht.
    ___

    "Und noch hat Tsipras sein Zerstörungswerk nicht vollendet"

    Hier wird der Autor demagogisch.

    Tsipras will die finanzielle Unabhangigkeit erreichen, und zwar nicht als Entwicklungsland, sondern gepolstert im Euroraum und der EU. Dafür setzt er schamlos seine Demagogie ein - aber scheut sich für dieses Ziel auch nicht, den Linken Flügel seiner Partei zu entmachten und sich im Lager seiner Gegner dafür Mehrheiten zu organisieren für dazu unter Zähneknirschen akzeptierte Reformen.

    Dies ist positiv zu bewerten, da es ein Schritt in die richtige Richtung ist - hin zu einem sich selbst tragenden Staat. Auch wenn er versucht, bei der Umsetzung zu tricksen, solange die Richtung stimmt und es sich nur um Kleinigkeiten handelt, sollte man ihm die Möhre der Vergünstigungen vor die Nase halten, die ihn motivieren wird, auch die weiteren Schritte in diese Richtung zu gehen. Mit kleinen Tricksereien erhält er sich die Unterstützung der Bevölkerung - und nur mit deren Duldung wird es was mit den Reformen und einem schluß-endlich sich selbst tragenden Staat.

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