Griechenland-Krise
Tsipras‘ Wettlauf gegen die Zeit

„Die Griechen legen sich jetzt endlich ins Zeug“, heißt es unter EU-Diplomaten. Schon am Wochenende will Athen die Verhandlungen über ein drittes Hilfspaket abschließen. Doch daran könnte die Regierung zerbrechen.
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AthenVier Tage Kurzurlaub hat sich Alexis Tsipras jetzt gegönnt. Auf das Eiland Ereikousa zog sich der griechische Premier mit seiner Lebensgefährtin und seinen beiden Kindern zurück, eine winzige, nur von etwa 300 Bewohnern besiedelte Insel nördlich von Korfu. Keine Fotografen, keine Fernsehteams, keinen Polizeischutz, hatte sich Tsipras ausbedungen.

Aber jetzt ist er wieder zurück in seinem Büro in der Villa Maximos an der Athener Herodes-Attikus-Straße. Denn nun gehen die Verhandlungen mit den Geldgebern über das neue Kreditprogramm in die Schlussphase. „Wir sind auf der Zielgeraden“, meldete Tsipras.

Fünf Monate lang zauderte der griechische Premier. Er lavierte, er sträubte sich, er pokerte und verschleppte so die Verhandlungen über neue Hilfskredite, die sein Land so dringend braucht. Jetzt kann es plötzlich gar nicht schnell genug gehen: Er will die Gespräche mit den Vertretern der Geldgeber rasch zu einem positiven Abschluss bringen. Tsipras hat es nicht nur eilig, weil er jetzt schnell frische Kredite loseisen muss. Er will auch mit seiner Partei ins Reine kommen.

Schon am Wochenende, so heißt es in griechischen Regierungskreisen, könnte die Vereinbarung in trockene Tücher gebracht werden. In Kreisen des Geldgeber-Quartetts äußert man sich weniger euphorisch. Vor allem Berlin schürt Zweifel am rechtzeitigen Abschluss der Gespräche. Die EU-Kommission hält dagegen: „Unsere Teams sind jetzt fast zwei Wochen vor Ort, und sie melden zufriedenstellende Fortschritte“, sagte Mina Andreeva, die Sprecherin der Kommission. Die Berliner Zweifel kommentierte sie spitz: „Mir ist nicht bewusst, dass irgendjemand anders vor Ort ist und deswegen einen besseren Überblick hätte als wir.“

In EU-Diplomatenkreisen hieß es: „Die Griechen legen sich jetzt endlich ins Zeug“. Es gebe allerdings noch „eine große Zahl von offenen Fragen“. Dazu gehören das Privatisierungsprogramm und die geplante Treuhandbehörde, die Modalitäten der Banken-Rekapitalisierung und der Zeitplan für die Umsetzung des Reformprogramms.

Diskutiert wird auch noch über die Vorgaben zur Fiskalpolitik. Sie hängen davon ab, wie die Entwicklung der Konjunktur im laufenden und kommenden Jahr eingeschätzt wird. Die griechische Wirtschaft, der die EU-Kommission noch im vergangenen Herbst für 2015 ein Wachstum von 2,9 Prozent prognostizierte, wird voraussichtlich in diesem Jahr um zwei bis vier Prozent schrumpfen – die von Tsipras provozierte Bankenschließung und die Kapitalkontrollen lassen grüßen. Entsprechend muss die Fiskalpolitik angepasst werden. Von einem bisher angepeilten Primärüberschuss im Haushalt ist jetzt nicht mehr die Rede.

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  • Wer rettet eigentlich die Retter?
    So fragte man sich doch bereits nach dem zweiten 'Hilfspaket',
    ob diese Retter überhaupt noch zu retten sind, die sich mit diesen
    Beihilfen zur Insolvenzverschleppung in die größte Finanzkatastrophe
    der Geschichte mit dieser EUROsion stürzten? Und jetzt kommt
    das dritte 'Hilfspaket', mit dem weitere Milliarden an Euros in den
    Sand gesetzt werden, mit Geldern, die nicht einmal von dieser 'EU'
    aus eigener Finanzkraft aufgebracht werden können, sondern von intern.
    Geldgebern geborgt werden müssen! Sowas kann nur noch mit einer un-
    kontrollierten finanziellen Selbstzerstörung im psycholigschen Bereich erklärt
    werden.

  • Der Grieche "legt sich ins Zeug" um sich geschenktes Geld von den EU-Idioten abzuholen.
    So weit sind wir schon in der Elends- und Transfer-Union.

  • "Sind Presseartikel heutzutage nur noch Stoff für geistig Unterbelichtete? "
    ---
    Na ja, eben für die Masse halt. Besonders bedrückend ist die Berichterstattung speziell beim ÖR für ehem. DDR-Bürger, die finden beim ÖR, dem Spiegel oder der Zeit das "Neue Deutschland" wieder (Hauptpropagandaorgan der Ostzone).

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