Griechenland schließt Sender
„Staatsrundfunk wegen der Troika hingerichtet“

Kraftprobe für die griechische Regierung: Über Nacht stellten staatliche Sender ihre Produktion ein. Journalisten laufen Sturm. Die griechische Presse macht die internationalen Geldgeber für den Beschluss verantwortlich.
  • 90

Berlin/AthenNach dem überraschenden Beschluss der Regierung in Athen, den staatlichen Hörfunk- und Fernsehsender ERT zu schließen, sind die griechischen Journalisten am Mittwochmorgen in den Streik getreten. Der Beschluss des konservativen Regierungschefs Antonis Samaras, die ERT zu schließen, führt zu Turbulenzen innerhalb der Regierungskoalition. Die Sozialisten und die Demokratische Linke erklärten, sie seien mit dieser radikalen Lösung nicht einverstanden. Sie würden das entsprechende Gesetz im Parlament nicht billigen. Samaras schloss die ERT mit einem Ministerialerlass. Dieser hat sofortige Wirkung. Er muss aber später vom Parlament gebilligt werden.

Die griechische Presse vermutet hinter der Entscheidung von Samaras Druck der Troika der Geldgeber. Athen muss bis Ende Juni 2000 Staatsbedienstete entlassen. „Hinrichtung (der ERT) wegen der Troika“, kommentierte die linksliberale Athener Zeitung „Eleftherotypia“. Der Senderverbund ERT ist eine von Gebühren und Werbung finanzierte Institution, die vom Staat kontrolliert wird. Die Gebühren werden direkt mit der Elektrizitätsrechnung kassiert. Die jeweilige Regierung stellt die Direktion der ERT ein.

Auch über die ERT-Sender hinaus gab es am Mittwochmorgen seit 6 Uhr Ortszeit keine Radio- und TV-Nachrichten mehr. „Wir werden solange streiken, bis die Regierung ihren Beschluss zurücknimmt“, sagte der Präsident des Verbandes der Athener Zeitungsredakteure (ESIEA), Dimitris Trimis. Wegen des Streiks wird es am Donnerstag in Griechenland auch keine Zeitungen geben.

In der Nacht zum Mittwoch wurde ein staatliches TV-Programm nach dem anderen abgeschaltet. Auch die öffentlichen Radiostationen stellten den Sendebetrieb ein. Zuvor hatte das griechische Finanzministerium erklärt, dass der staatliche Fernseh- und Hörfunksender ERT nicht mehr existiere. Es müsse einen Neustart geben. Eine neue Institution, die kompakter und wirtschaftlicher sein wird, soll gebildet werden. Vorbild sollten die modernen öffentlich-rechtlichen Anstalten in Europa sein.

Bisherige Angestellte des Staatsfernsehens blieben jedoch am Mittwoch in einem Studio des Zentralgebäudes und sendeten via Internet. Dabei kritisierten sie den Schließungsbeschluss scharf. Nach neuesten Angaben der Gewerkschaft der ERT-Angestellten verlieren 2656 Menschen ihre Arbeit. Auch einige Regionalradiosender in den Provinzen sendeten über provisorische Sendeanlagen ein - wie sie es nannten - Protestprogramm. Organisationen von Auslandsgriechen und die Kirche kritisierten die Schließung.

Kommentare zu " Griechenland schließt Sender: „Staatsrundfunk wegen der Troika hingerichtet“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • An der Aussage von Herrn Junker sieht wieder mal, wie blind Politiker sind und wie wenig Sie rechnen können. Welchen Fortschritt lobt Junker in Griechenland. Die Verschuldung ist trotz Schuldenschnitt und Rückkauf von Staatsanleihen nicht gesunken, welche Unternehmen wurden denn privatisiert und welcher Investor will schon nach Griechenland? Aber für das Lob bekommt er ja nenn Orden - Toll oder?

  • Wieso wurde der Staatsrundfunk hingerichtet? Nein, er wurde einfach abgestellt. Und das spart den Griechen viel Geld.

  • so siehts nämlich aus, ich bin kurz davor in den "Illegalen" Generalstreik zu treten! Steuern zahlen? What for? ich meine man schleudert Milliarden ins ausland egal ob nun für Soforthilfen bei irgendwelchen Katastrophen, dem Rettungsschirm desweiteren patzt man in Milliardenhöhe bei eigenen Bauprojekten, man verschläft den Hochwasserschutz jo und für die daraus resultierenden Opfer gibt es 100 Millionen. Das ist einfach nur ein schlechter WITZ.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%