Handelsbilanz
Japans Rückkehr zur verlorenen Normalität

Japan meldet sich 2016 als Exportnation zurück. Erstmals seit sechs Jahren verbuchte die Nation im März abgelaufenen Haushaltsjahr wieder einen Handelsbilanzüberschuss.
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TokioJapan hat im vergangenen Jahr erstmals wieder einen Handelsüberschuss erzielt. Zuvor hatte das Land sechs Jahre lang ein Minus eingefahren. Zwar ist der Überschuss mit 34 Milliarden Euro nur halb so hoch wie in den Jahren vor der Finanzkrise, meldete am Donnerstag das Finanzministerium. Doch die Erleichterung ist groß, dass Japan damit endlich die außenwirtschaftlichen Folgen der Atomkatastrophe von 2011 überwunden hat und in gewohnte Fahrwasser zurückkehrt.

Bis 2011 erwirtschaftete das Land wie Deutschland fast jedes Jahr hohe Überschüsse im Handel. Doch dann schnellten die Importe in die Höhe, weil Japan nach der Atomkatastrophe sicherheitshalber alle Atommeiler abschaltete und die Atomstromlücke durch Importe von Öl, Gas und Kohle schließen musste. Die Handelsbilanz drehte danach rasant ins Minus. 2013 lag das Defizit bei rund 120 Milliarden Euro.

Doch nun hebeln der Fall der Rohstoffpreise und teilweise die jüngste Wiederbelebung der Exporte den Saldo im Handel wieder über null. Besonders der letzte Monat des Haushaltsjahres schürte die Hoffnung, dass die Exportindustrie wieder brummen wird. Das Handelsbilanzplus lag zwar mit 5,2 Milliarden Euro 17,5 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Aber das lag vor allem daran, dass die Importe mit 15,8 Prozent stärker gestiegen sind als die starken Exporte, die im Jahresvergleich um zwölf Prozent in die Höhe schnellten.

Ermutigend ist dabei für Takeshi Yamaguchi, Volkswirt von Morgan Stanley MUFG in Tokio, die Nachfrage aus Asien. Steigende Investitionen, besonders in Asien, könnten „den Exporten japanischer Kapitalgüter Auftrieb geben.“ Immerhin legten die Ausfuhren in die Nachbarschaft im 16 Prozent und nur um 3,5 Prozent in die USA und 1,4 Prozent nach Europa. Und zu den Siegern gehörten neben den Autoherstellern auch die Stahlindustrie und der Maschinenbau.

Zwar ziehen nun auch der Konsum, die Rohstoffpreise und damit die Importe wieder an. Aber Harumi Taguchi, Volkswirtin von IHS Markit, bleibt auch für 2017 optimistisch: „Der Anstieg der Exporte dürfte weiterhin Überschüsse unterstützen.“

Für Japan ist das schon das dritte positive Konjunktursignal in dieser Woche. Erst hob der Internationale Währungsfonds (IWF) am Mittwoch die Konjunkturprognose für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt um 0,4 Prozentpunkte auf 1,2 Prozent an. Dann meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass die Stimmung der verarbeitenden Industrie wieder so gut wie vor der Weltwirtschaftskrise ist.

Doch schon die wachsenden geo- und handelspolitischen Risiken trüben die Aussichten deutlich. Denn US-Präsident Donald Trump wirft Japan genauso wie Deutschland vor, durch eine künstlich schwache Währung im bilateralen Handel unfaire Überschüsse zu erzielen. US-Vizepräsident Mike Pence war gerade diese Woche in Tokio, um die Handelsgespräche zu beginnen.

Der IWF warnte zudem, dass die immer schneller schrumpfende Bevölkerung und das Ausbleiben der von Ministerpräsident Shinzo Abe fest eingeplanten Inflation mittel- und langfristig das Wachstum drosseln werden. Bereits 2018 werde das Wachstum auf 0,6 Prozent zurückgehen, sagten die IWF-Ökonomen vorher.

Finanz- und geldpolitisch wichtiger als die letztlichen Wachstumszahlen ist allerdings, dass die Preise einfach nicht so schnell steigen wollen wie Notenbankchef Haruhiko Kuroda bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren versprochen hatte. Mit beispiellosen Käufen japanischer Staatsanleihen wollte er die Geldmenge massiv erhöhen und so Japan nicht nur aus der Deflation befreien, sondern sogar ein Inflationsziel von zwei Prozent erreichen.

Doch obwohl die Notenbank nun schon 40 Prozent der japanischen Staatsschuld besitzt und die Wirtschaft im Geld schwimmt, wollen die Preise kaum steigen. Volkswirte schätzen, dass Kuroda froh sein muss, wenn die Inflationsrate am Ende seiner ersten Amtszeit in einem Jahr bei einem Prozent liegen würde.

Das Problem: Die Mischung aus langsamem Wachstum und niedriger Inflation wiederum könnten irgendwann ein großes Problem zurück auf die Tagesordnung rufen: die enorme Staatsverschuldung von inzwischen 240 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Eine mittelfristig glaubhafte Haushaltskonsolidierung bleibe daher entscheidend, mahnte der IWF Japans Regierung.

Doch Premierminister Abe fällt es immer schwerer, die Fassade seines Haushaltssanierungsplans aufrechtzuerhalten. Bisher verspricht er, ab 2020 mit dem Schuldenabbau beginnen zu wollen. Nur will er das nicht durch hartes Sparen erreichen. Im Gegenteil, für 2017 legte er einen neuen Rekordhaushalt auf, um die Wirtschaft nicht zu bremsen.

Stattdessen will er das Wachstumspotenzial durch Strukturreformen erhöhen sowie die Steuereinnahmen erhöhen und so das Haushaltsdefizit abbauen. Doch bei dem derzeitigen Tempo von Wirtschaft und Preisen glaubt kaum jemand mehr, dass er seine Vorgaben noch einhalten kann. Selbst wachsende Exporte können die unterschwellige Sorge nicht vertreiben, dass Japan irgendwann eine Haushaltskrise droht.

Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

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