Hohe Wahlbeteiligung
Slums entscheiden die Wahl in indischen Städten

In Indien ist die größte Wahl in der Geschichte der Menschheit zu Ende gegangen. Das wichtigste Thema: die Wirtschaft. Deshalb haben sich Beobachter auf die Mittelschicht konzentriert – doch die Wahl entscheiden andere.
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MumbaiFrüh morgens ist Babu Mehboob Mujawa zur lokalen Schule gekommen, um noch vor der Arbeit seine Stimme abzugeben: „Da war noch nicht so viel Betrieb und ich musste nicht lange warten. Später haben die Leute hier Schlange gestanden, den ganzen Flur entlang und die Treppe hinunter“, sagt der Tagelöhner aus Mumbai.

Fünf Wahlkabinen wurden in der Schule aufgebaut, jede der fünf Türen von einem Polizisten bewacht. Erst musste sich Mujawa beim Sicherheitsbeamten ausweisen, dann wurde er drinnen auf der Wählerliste abgehakt. Mit einem einfachen Knopfdruck auf der Wahlmaschine hat der 29-Jährige seine Stimme abgegeben, bevor die Wahlhelfer seinem linken Zeigefinger einen Tintenstrich verpasst haben – so werden Wähler in ganz Indien markiert, um Wahlbetrug zu verhindern.

Nach sieben Wahlphasen in fünf Wochen, nachdem hunderte Millionen Inder ihre Stimme abgegeben und ihren Tintenstrich bekommen haben, endete gestern die größte Wahl in der Geschichte der Menschheit. Die Wahl wurde in Indien nicht nur wegen ihrer Rekorde brechenden Ausmaße als bedeutend wahrgenommen: Rund 815 Millionen Wahlberechtigte, mehr als zehn Millionen Wahlhelfer, davon zwei Millionen Sicherheitsbeamte zum Schutz von genauso vielen Wahlmaschinen – das ist das größte logistische Unterfangen in der Geschichte der Menschheit.

Dass sich die Gemüter der sonst als politikverdrossen geltenden Inder diesmal so erhitzt haben, liegt allerdings teilweise auch an Narendra Modi, dem umstrittenen Herausforderer der regierenden Kongresspartei.

Den einen gilt Modi als wirtschaftsversierter Retter, der Indiens sinkendem Wirtschaftswachstum neues Leben einhauchen und dem Land Entwicklungsfortschritt bescheren soll. Die andern dagegen sehen ihn als religiösen Hetzer, der die tödlichen Ausschreitungen gegen Muslime in Gujarat als Ministerpräsident nicht verhindert hat und deshalb für den Tod von rund 1.000 Muslimen und die Vertreibung von 100.000 weiteren mitverantwortlich ist.

Medien und Beobachter sehen den Kandidaten der Hindu-nationalistischen Indischen Volkspartei (BJP) derzeit in Führung, vor allem, weil seine Wirtschaftsversprechen die indische Mittelschicht hinter ihm zu vereinen scheinen.

Dabei werden in großen Städten die Wahlen traditionell in den Slums gewonnen: In Mumbai, Indiens Finanzmetropole, etwa lebt rund die Hälfte der 20 Millionen Einwohner in diesen Gegenden, in denen sich auf engstem Raum überfüllte Mehrfamilienhäuser an Wellblechhütten schmiegen. Die Wahlbeteiligung ist in den ärmeren Bezirken regelmäßig höher als in wohlhabenden Vierteln.

Das wissen auch die politischen Parteien, die zumindest kurz vor den Wahlen die ärmsten Gegenden ins Visier nehmen. „Alle Parteien waren hier zum Wahlkampf,“ erinnert Amrita Mahato, die in Dharavi wohnt, Mumbais größtem und berühmtesten Slum. „Plakate, Reden, Handzettel – die waren überall.“

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Die Wahlbeteiligung im Slum Dharavi erreichte etwa 50 Prozent

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  • Um die Wirkmechanismen des Landes wirklich verstehen zu können muss man wichtige Aspekte der indischen Geschichte kennen. Leider bleiben uns die Medien diese Informationen schuldig. Zum Beispiel ist für das Verständnis der Religionskonflikte wichtig zu wissen, dass vermutlich eine der größten Genozid der Welt in Indien stattgefunden hat. So gehen Historiker von etwa 80 Mio. getöteten Hindus aus, die damals Opfer der neu anrückenden monotheistischen Religion aus Vorderasien wurden (Quelle Egon Flaig, Robert Sewell).

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