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Diplomatin mit Sinn für Kultur

Irina Bokova wird neue Unesco-Chefin. Geschickt hat sie ihre Konkurrentinnen aus dem Rennen geworfen, darunter durchaus prominente Persönlichkeiten. In ihrer Heimat wurde sie wie ein Volksheld gefeiert. Doch nicht alle sind erfreut.

Bulgarien verzeichnet auf der Liste des Weltkulturerbes der Unesco immerhin neun Einträge, aber seit 1985 ist kein neuer mehr hinzugekommen. Das könnte sich nun ändern: Denn mit Irina Georgieva Bokova rückt erstmals eine Frau und erstmals eine Bulgarin als Generaldirektorin an die Spitze der Uno-Organisation für Kultur, Bildung und Wissenschaft.

Dabei setzte sich die 57-Jährige aus Sofia erst im letzten Wahlgang mit nur vier Stimmen Vorsprung gegen Ägyptens Kulturminister Farouk Hosmi durch. Den Ausschlag gab letztlich eine Kampagne von Elie Wiesel und anderen Holocaust-Mahnern, die Hosmi antisemitische Äußerungen vorwarfen.

Zuvor hatte Bokova schon so prominente Widersacherinnen wie die österreichische EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner aus dem Rennen geworfen. Nun muss die Unesco-Generalkonferenz die Bulgarin am 15. Oktober noch offiziell zur Nachfolgerin des Japaners Koichiro Matsuura bestimmen, was aber als reine Formsache gilt.

Bokova, Tochter eines berühmten bulgarischen KP-Funktionärs, hat noch zu Sowjetzeiten in Moskau an der bekannten Hochschule für internationale Beziehungen das Diplomaten-Handwerk studiert und war von 1996 bis 1997 Außenministerin der damaligen sozialistischen Regierung in Sofia. Zuletzt diente sie als Sofias Botschafterin in Frankreich.

Die Wahl der zweifachen Mutter zur Unesco-Chefin wurde in ihrer Heimat parteiübergreifend begrüßt: „Sieg für Bulgarien“, titelten die Zeitungen über die knappe Entscheidung am Sitz der Kulturorganisation in Paris. Das jüngste EU-Mitglied kann internationale Reputation wie diese derzeit gut gebrauchen, sorgte es doch zuletzt vor allem für negative Schlagzeilen: So hat die EU-Kommission Bulgarien Millionenbeihilfen gestrichen, weil Sofia die verbreitete Korruption nicht in den Griff bekommt. Und an der Spitze der neuen bulgarischen Minderheitsregierung steht mit Bojko Borissov ein ausgewiesener Populist.

In Paris hat nun die Suche nach den Umfallern begonnen. So hatte etwa Frankreich, im Gegensatz zu Deutschland, lange den ägyptischen Kandidaten unterstützt, um die arabische Welt zu hofieren.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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