Indien
Barfuß zur Bildung

An großen Teilen der indischen Bevölkerung geht das Wirtschaftswachstum spurlos vorbei. Einige nehmen ihr Schicksal daher jetzt selbst in die Hand. Eine Handelsblatt-Reportage über ihre Bemühungen die Bildung voranzutreiben und der Armut Einhalt zu gebieten.

TILIONA. Draußen ist es schon dunkel, in der Backsteinhütte leuchtet eine einzige Lampe. 15 Kinder sitzen auf dem Boden – mit kleinen Schreibtafeln auf den Knien. Alle tragen einfache Überwürfe und Tücher, viele der Gesichter sind mit Lehm verschmiert. Vor ihnen steht Sanja. Mit der rechten Hand gibt sie ein Zeichen, und die Kinder stimmen ein Lied an, das den Hindu-Gott Indra um Regen bittet. Der Unterricht kann beginnen.

Sanja ist 28 Jahre alt und Lehrerin an einer Nachtschule in einer der ärmsten Gegenden der Welt: der Wüste des indischen Bundesstaats Rajasthan. Die Frau hat selbst nie eine richtige Schule besucht. Und doch gibt sie nach Sonnenuntergang, wenn das Vieh versorgt ist, weiter, was sie in der Nachtschule gelernt hat: Lesen, Schreiben und ihr Wissen über die Welt außerhalb des Dorfes.

Die Nachtschule ist Teil des Barfuß-Projekts – einer Hilfsinitiative für die Menschen in dieser Region, die sich meist keine Schuhe leisten können. Von regelmäßigen Schulbesuchen gar nicht zu reden.

Das Projekt, bekannt unter dem Namen Barefoot College, unterstützt die Menschen von Rajasthan seit 1972 dabei, ihre Probleme gezielt zu lösen – nur mit Mitteln, die sich auf den Dörfern finden, nur mit Wissen, das die Dorfbewohner selbst besitzen. Es waren Menschen aus der Region, die das Projekt angeschoben haben, Menschen wie Vashnu.

Der Mann will seinen Nachnamen nicht in der Zeitung sehen – denn der verrät seine Zugehörigkeit zu einer hohen Kaste. Vashnu ist außer der Familie des Großgrundbesitzers der einzige Mann im Bezirk, der aus der privilegierten Schicht stammt. Doch er verzichtet auf die Schuhe, die sich auch die Bauern nicht leisten können. Er trägt einen Überwurf aus Leinen, hat Schmutz im grauen Bart und hustet in ein zusammengeknülltes Tuch. „Das Wirtschaftswachstum, von dem ständig in der Zeitung steht, geht völlig an uns vorbei“, sagt Vashnu. Dagegen müsse man etwas unternehmen.

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