Interview mit Charles Kupchan
„Auf dem Weg in eine neue Welt“

Der Obama-Berater über die neue Machtverteilung in der internationalen Politik, den schwindenden Einfluss Europas und die künftige Rolle der Hegemonialmacht Amerika.
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Handelsblatt: Es gibt so viele internationale Strukturen wie nie zuvor, von G30, G20, G8, G2 bis zu IWF, Weltbank, Uno. Nützt uns das?

Charles Kupchan: Das ist ein Zeichen unserer Zeit. Wir befinden uns in einer Periode des stufenweisen Übergangs im internationalen System. Es gibt dabei keinen ?Verfassungsmoment? wie etwa beim Westfälischen Frieden, beim Versailler Vertrag oder bei der Bildung der Uno. Diesen Strukturen gingen üblicherweise Kriege voraus, die den Fokus schärften. Der Kalte Krieg aber endete sang- und klanglos. Zwar gibt es ein Gefühl, dass sich das internationale System entwickeln muss, doch geschieht das eben nur graduell.

HB: Und deshalb ist es derzeit so unübersichtlich?

Kupchan: Ja, wir haben Strukturen, die noch übrig geblieben sind aus der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, während sich andere Formate an die neue Zeit anzupassen versuchen.

HB: Aber wie legitimiert sind diese neuen Strukturen? Wer hat etwa Brasilien das Mandat gegeben, für die Schwellenländer zu sprechen?

Kupchan: Es gibt hier eine doppelte Bewegung. Bleiben wir bei Ihrem Beispiel: In Brasilien empfindet man es als eine Notwendigkeit, dass man einen Platz am Tisch hat - das gilt auch für China und Indien. Mit der Erweiterung der G8 zur G20 oder des Uno-Sicherheitsrats werden diese Institutionen einerseits breiter legitimiert, gleichzeitig entstehen dadurch aber auch regionale Eifersüchteleien.

HB: Über kurz oder lang müssen sich also Länder wie Brasilien oder Indien fragen lassen, warum ausgerechnet sie am Tisch der Großen Platz nehmen dürfen?

Kupchan: Wir werden eine schizophrene Reaktion erleben. Zunächst wird man es als positiv betrachten, weil man froh ist, dass die Region überhaupt vertreten ist. Dann aber wird die andere Reaktion kommen: Warum Brasilien und nicht wir? In Südamerika fragt man sich heute schon: Welche Auswirkungen hat der Aufstieg Brasiliens für die Handelspartnerschaft des Mercosur?

HB: Im Vergleich zeigt die EU aber auch die Nachteile, die mit einer Erweiterung verbunden sind.

Kupchan: Die EU ist in der Tat ein gutes Beispiel. Institutionen werden durch Erweiterung zwar repräsentativer, aber auch unhandlicher. Es gibt deshalb zwei gegenläufige Entwicklungen: Erweiterung und gleichzeitig Kontraktion. Die G20 etwa wird sich als schwierig erweisen, wenn es um die Effizienz geht. Also werden sich wiederum Gruppen oder Fraktionen herausbilden, die wesentlich kleiner sind.

HB: Wenn die Krise vorbei ist: Gibt es ein Zurück zum alten Format der G8 und ein Weg von der G20?

Kupchan: Es wird schwer, die Uhr wieder zurückzudrehen. Der Zug hat den Bahnhof verlassen, wie man so sagt. Aber wir werden sehen, dass sich kleinere Gruppen formieren, Ad-hoc-Kreise wichtiger Länder. Nehmen Sie die Kontaktgruppe für den Balkan, das Nahost-Quartett oder die Sechs-Parteien-Gespräche zu Nordkorea. Ich vermute, dass es davon noch mehr geben wird.

HB: Wie sehr ist die Finanzkrise für diese Verschiebung der Strukturen verantwortlich?

Kupchan: Sie hat ganz sicher die Ausweitung des Klubs beschleunigt. Als es um die Stabilisierung des Finanzmarkts ging, musste man Länder wie China und Saudi-Arabien ganz einfach mit am Tisch haben. Und natürlich hat die Finanzkrise gezeigt, wie verletzlich die USA und ihre westlichen Partner sind. Auf einmal wurde der "Washington-Konsens" hinterfragt, der 1990 festlegte, wie makroökonomische Stabilität erreicht werden soll. Der Druck, eine Ordnung zu schaffen, die weitergeht als die westliche Ordnung nach dem Krieg, wächst.

HB: Hat Europa mit der Ernennung der weitgehend unbekannten Herman Van Rompuy und Catherine Ashton zum neuen EU-Spitzenpersonal eine Chance verpasst, den USA zu zeigen, wie ernst man es mit der Einheit Europas meint?

Kupchan: Das kann man auf zweierlei Weise interpretieren. Die Entscheidung kann sich am Ende ja als gut erweisen, wenn die Genannten in der Lage sind, Konsens zu bilden und damit Europa eine einheitlichere Stimme zu geben. Man kann es allerdings auch anders sehen: Offenbar sind wichtige Akteure in der EU noch nicht so weit, eine Führungsspitze zu wählen, die in der Außen- und Verteidigungspolitik nach mehr Gemeinsamkeit strebt.

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