Interview mit Hugo Lavados
„Protektionismus ist keine Alternative“

Am Donnerstag beginnt das Gipfeltreffen der südamerikanischen Staaten. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei Brasilien und Venezuela. Doch auch in wirtschaftlich kleineren Ländern tut sich einiges – unter anderem in Chile. Dessen Wirtschaftsminister Hugo Lavados stellte sich im Gespräch mit dem Handelsblatt Fragen zur Lage der Nation.

Handelsblatt: Chile hat ein antizyklisches Programm gestartet und den Leitzins gesenkt. Dennoch wird Chiles Wirtschaft in diesem Jahr schrumpfen. Sind die Schritte zu halbherzig?

Lavados: Moment mal, wir haben keine kleinen Maßnahmen ergriffen. Wir haben weltweit am stärksten den Leitzins gesenkt in diesem Jahr von 8,25 auf 0,50 Prozent. Wir konnten wegen unserer Haushaltsdisziplin der letzten Jahre ein Ausgabenpaket von vier Milliarden Dollar schnüren. Das ist mit 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weltweit das fünfgrößte antizyklische Maßnahmenpaket überhaupt. Und das alles, ohne uns neu verschulden zu müssen. Ich denke, in einem schwierigen Umfeld haben wir die richtigen Maßnahmen getroffen.

Allerdings sind vor allem Chiles Exporteinnahmen eingebrochen – das belastet die Konjunktur. Zahlt Ihr Land nun den Preis für die wirtschaftliche Öffnung?

Nein. Das hohe Wachstum der letzten Jahre, die Entwicklung des Binnenmarktes und die erhöhte Wettbewerbsfähigkeit verdanken wir der Öffnung. Wir glauben nicht, dass protektionistische Maßnahmen der richtige Weg wären, um den Binnenmarkt zu fördern. Protektionismus ist keine Alternative.

Chilenische Konzerne haben in den vergangenen Jahren stark in anderen südamerikanischen Ländern investiert. Läuft die Investitionsoffensive nun aus?

Wir werden sehen müssen, wie sich die Investitionsbedingungen in den Nachbarländern entwickeln. Die Bedingungen sind sehr unterschiedlich: Peru etwa hat sehr gute Wachstumsbedingungen wegen seiner seriösen und langfristigen Zielvorgaben. Argentinien und Bolivien durchlebten Wechselbäder, was die Instabilität erhöht hat. Dennoch sind wir mit unseren Investitionen auch dort bisher gut gefahren.

Südamerika hat die Krise bisher vergleichsweise gut überstanden. Sind damit die Chancen für eine stärkere wirtschaftliche Integration der Region gestiegen?

Kurzfristig wird das gute Abschneiden Südamerikas in der Weltwirtschaftskrise für mehr Handel und Investitionen sorgen. Langfristig ist jedoch entscheidend, dass die Region nicht nur wirtschaftlich wächst, sondern auch politisch und sozial stabiler wird. Jedes Land hat dabei die Verantwortung für sich – aber auch für die Region als Ganzes. In Südamerika kann sich ein Land allein nur schwer entwickeln, wenn nicht die Region als Ganzes vorwärtskommt. Ökonomisch betrachtet ist die Stabilität Südamerikas wie ein öffentliches regionales Gut, zu dem alle beitragen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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