Irakische Akademiker
Gewaltsamer Brain-Drain

Fuad Ibrahim Mohamed war ein energiegeladener Mann. Nach dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein wollte der Dekan des Germanistik-Fachbereichs an der Universität Bagdad an die traditionell engen Bande zwischen Deutschland und dem Irak anknüpfen. So kämpfte er für den Wiederaufbau der Fachbereichsbibliothek, die nach dem Einmarsch der Amerikaner von Plünderern gefleddert worden war.

HB KAIRO. Das deutsche Außenministerium griff ihm bei seiner Arbeit unter die Arme. Im Februar vergangenen Jahres reiste Fuad Ibrahim Mohamed zum letzten Mal nach Deutschland und besuchte unter anderem die Universität Gießen. Zwei Monate später war der Dekan tot. Er wurde in seinem Wagen von Unbekannten erschossen, als er morgens in Bagdad zur Arbeit fuhr.

Seit Kriegsbeginn sollen im Irak mehr als 1 000 Akademiker ermordet worden sein. Genaue Zahlen gibt es nicht, nur Schätzungen. Die Täter sind unbekannt, über ihre Motive wird gerätselt. In einigen Fällen mögen persönliche Rechnungen aus Zeiten des Saddam-Regimes beglichen worden sein.

Doch nachdem das Ent-Baathifizierungskomitee unter Leitung des windigen Ahmed Chalabi Hunderte ehemalige Mitglieder von Saddams Baath-Partei aus Universitäten und Schulen geworfen hatte, fiel dieses Motiv für die Gewalt weg. Weil aber allein die bloße Parteimitgliedschaft schon zum Arbeitsverbot führte, ließ die Säuberungsaktion die Bildungseinrichtungen des Landes ausbluten. Irakische Universitäten sollen allein durch die Ent-Baathifizierung bis 2004 etwa zehn Prozent ihres Lehrpersonals verloren haben. Schätzungsweise ein Drittel der Entlassenen, die oft nur einfache Parteimitglieder waren, kehrte dem Land den Rücken. So sollen in einem neuen Technologie-Department in Syrien etwa 80 Prozent der Lehrkräfte Iraker sein. Über 3 000 Akademiker haben allein im letzten Jahr den Irak verlassen, berichtet die Zeitung „Al-Sharq al-Awsat“. „Wer wird sie ersetzen?“ fragt der Politik-Professor Dhafir Salman.

Die im Irak gebliebenen Akademiker müssen täglich um ihr Leben fürchten. So wurden im November vergangenen Jahres innerhalb weniger Tage in Bagdad fünf prominente Ärzte ermordet. Insgesamt sollen mehr als 150 herausragend qualifizierte Mediziner getötet worden sein. Als Täter werden Aufständische vermutet, die das Land destabilisieren wollen und die gebildete Mittelschicht als Zielscheibe ausgesucht haben.

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