Islamisten
Mit Tischtennis gegen Terror

Gestern noch ein Heiliger Krieger, heute schon ein Prophet der brüderlichen Liebe: Wie Saudi-Arabien Islamisten, die einst im Irak die Amerikaner angriffen und gegen den Westen hetzten, mit sanften Methoden zu guten Muslimen umerzieht.

RIAD. Aufmerksam lauscht Mufarrah al-Faifi dem Lehrer an der Tafel, dann nickt er zustimmend. Bei der ersten Frage hebt er sofort den Arm. "Will der Islam, dass wir töten?" lautet die Frage. Der Lehrer nimmt Mufarrah al-Faifi dran. "Nein", antwortet der Schüler. Die Antwort ist richtig. Der Lehrer lächelt zufrieden und schreibt die Antwort mit einem dicken Filzstift an die Tafel.

Mufarrah al-Faifi lehnt sich zurück. Elf Schüler sitzen in drei Reihen, die Arme auf Klapptischchen gestützt. Der Raum ist mit nagelneuem, beigefarbenem Teppichboden ausgelegt, saubere Vorhänge schmücken die Fenster. Ein ansprechendes Lernumfeld.

Dennoch hat die Szene etwas Surreales. Denn Mufarrah al-Faifi und seine Mitschüler sind Erwachsene, und sie tragen den langen Bart der Islamisten. Noch vor kurzem wollten die Männer als "Dschihadis", als Heilige Krieger, Schiiten und Amerikaner im Irak bekämpfen. Nun drückt der 28-jährige Mufarrah aus Jizan im Süden Saudi-Arabiens die Schulbank, in einem Rehabilitationszentrum der Regierung für Dschihad-Kämpfer und solche, die es werden wollten. Und lernt seine Religion, für die er vor kurzem noch in den Tod gehen wollte, ganz neu kennen.

Denn: "Ich dachte, es sei meine religiöse Pflicht, den Brüdern in Irak zu helfen", erzählt al-Faifi, der das rot-weiß karierte Kopftuch ohne die schwarze Kordel auf dem Kopf trägt, was wie der Bart auf seine tiefe Frömmigkeit hinweisen soll. Den Körper bedeckt eine braune, bodenlange Galabiyya, schwarze Wollhandschuhe schützen die Hände vor den winterlichen Temperaturen, die hier in der Wüste außerhalb Riads am Abend auf fünf Grad sinken.

Al-Faifi sitzt im Garten eines ehemaligen Ferienhauses, drei Zimmer, Küche, Bad, in der Mitte ein Stück Rasen. Volleyballnetz und Tischtennisplatte gehören zur Ausstattung. Elf Männer leben hier wie eine Familie zusammen, schlafen auf Matratzen auf dem Boden, nur getrennt durch abschließbare Metallspinde. Ein Beduinenzelt dient als Aufenthaltsraum - hier wird auch fünfmal am Tag gemeinsam gebetet.

Das Essen bereiten asiatische Köche in einem Nebengebäude zu. Heute gibt es Hammel mit Reis und Salat.

Nur der Stacheldraht oben auf der hohen Mauer, die jedes Haus in Saudi-Arabien vor den Blicken Fremder schützt, deutet darauf hin, dass hier keine Familien aus Riad mehr Urlaub machen, sondern der Staat hinter diesen Mauern seinen Kampf gegen den Terror fortsetzt - mit ungewöhnlichen Mitteln. Fünf Gruppen von Dschihadisten, die im Irak gekämpft haben oder kämpfen wollten, durchlaufen hier ein zweimonatiges Rehabilitationsprogramm.

Natürlich verfolgt Saudi-Arabien Terrorverdächtige weiterhin gnadenlos, und sind sie verurteilt, bleiben sie hinter Schloss und Riegel. Aber Dschihadisten wie al-Faifi, die als Mitläufer gelten und nach Erkenntnissen der Behörden keine schweren Verbrechen begangen haben, sollen durch bessere Bildung ihren radikalen Ideen abschwören.

Mufarrah al-Faifis Geschichte ähnelt der vieler Dschihadis. Er ist ein einfacher Mann. In der Schule ging es hauptsächlich um Religion, eine Ausbildung genoss er nie. Geld verdiente er mit Trips über die nahe gelegene Grenze in den Jemen, um die Kaudroge Qat zu kaufen. Dann sah er einen Film über Tschetschenien und immer wieder die Bilder vom Krieg im Irak. Er war betroffen von dem, was Muslimen - insbesondere sunnitischen Muslimen wie ihm - angetan wurde. Von "ungläubigen" Amerikanern ebenso wie von den mit ihnen verbündeten Schiiten. So wollte al-Faifi in der Sunnitenhochburg Falludscha gegen Schiiten kämpfen.

Einen Schiiten hatte er zwar noch nie getroffen, aber er wusste aus Medien und Predigten in der Moschee: Sie sind Verräter, halten ihre Versprechen nicht, sie töten Kinder und Sunniten. Also ließ er sich im nahe gelegenen Jemen in einem Trainingslager ausbilden. Mehr mag er dazu nicht sagen, vielleicht auch, weil der Psychologe des Lagers, Turki al-Otayan, aufmerksam lauscht. Weit kam al-Faifi nicht: Er wurde festgenommen und saß wegen illegalen Grenzübertritts und paramilitärischer Ausbildung für eineinhalb Jahre im Gefängnis seiner Heimatstadt Jizan.

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