Jens Stoltenberg
Vom Steinewerfer zum Nato-Chef

Der Norweger Jens Stoltenberg tritt an die Spitze des westlichen Verteidigungsbündnisses. Als Student protestierte er noch gegen den Vietnam-Krieg. Heute ist seine ausgleichende Art gefragt.
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StockholmVielleicht wird man es nie erfahren: Wie hat sich wohl Jens Stoltenberg in den vergangenen Wochen gefühlt, wenn er den scheidenden Nato-Chef Anders Fogh Rasmussen sah und hörte? Der dänische Hardliner Rasmussen hat sich in der Ukraine-Krise nur wenige neue Freunde geschaffen. Der Mann mit dem kantigen Gesicht holte immer wieder zu Verbal-Attacken gegen Moskau aus, was einige der Bündnis-Partner zumindest für diplomatisch ungeschickt hielten.
Wer den ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten Stoltenberg einmal getroffen hat, weiß, dass er dagegen ein Mann der leisen Töne und überlegten Worte ist. Jetzt soll Stoltenberg in einer der wohl schwersten Herausforderungen, vor denen das nordatlantische Verteidigungsbündnis steht, neuer Nato-Chef werden. Am 30. September ist es soweit. Dann tritt der 55-Jährige die Nachfolge von Rasmussen an.

Hinter vorgehaltener Hand sagen Diplomaten, dass er ohne die Ukraine-Krise wohl nie in die engere Wahl gekommen wäre. Doch als im Frühjahr die Situation auf der Schwarzmeer-Halbinsel Krim eskalierte und gleichzeitig ein neuer Nato-Generalsekretär gesucht wurde, fiel der Blick schnell erneut gen Norden. Seine Ernennung hat der Sozialdemokrat den großen Nato-Ländern USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland zu verdanken. Sie alle haben sich für den ehemaligen norwegischen Regierungschef stark gemacht, weil sie jemanden suchten, der ausgleichend wirkt, vermitteln kann.

Außerdem war ein Kandidat gefragt, der über gute Kontakte nach Moskau verfügt, der nach der Annexion der Halbinsel am Schwarzen Meer durch Russland geschult im Umgang mit dem Kreml ist. Die Wahl fiel schnell auf Stoltenberg: Er hatte während seiner zehnjährigen Amtszeit als Regierungschef immer wieder direkte Kontakte mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Bei den oft nicht ganz einfachen Diskussionen hat er sich als Pragmatiker erwiesen, als jemand, der auf Eitelkeiten verzichtet und nationale Empfindlichkeiten hinten anstellt.

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