Kanzlerkandidatur
Porträt: Angela Merkel und die Strahlen der Sonne

Schäuble, Blüm, Merz, Seehofer: Die CDU-Vorsitzende hat für ihre Karriere viele Männer niedergerungen. Nun ist Bundeskanzler Gerhard Schröder dran. Es ist eine Niederlage für alle jene, die Merkel nicht als "political animal" wahrnehmen wollten

BERLIN. Jetzt sagt keiner mehr: Sie kann es nicht. Das Ergebnis der Landtagswahl ist noch nicht offiziell, da hat das CDU-Orchester bereits ihre Musik drauf: "Das Signal von heute heißt: Angela Merkel ist die Kanzlerkandidatin der Union. Das ist doch klar."

Klar? Ausgerechnet Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch, mit Merkel in heftiger Rivalität verbissen, posaunte es am vergangenen Sonntag als Erster laut aus. Und auch Kochs Kollege und Kontrahent für künftige Spitzenjobs auf Bundesebene, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, erkennt ganz schnell an, dass allein Merkel die Union im Wahlkampf 2005 dirigieren wird.

War da was?

Klar. So und nicht anders funktioniert er, der Dynamo der Macht. Er generiert Anpassung, vulgo: Opportunismus. Beide CDU-Spitzenpolitiker galten neben dem längst als Spitzenkandidat ausgemusterten Edmund Stoiber als erfolgversprechendsten Konkurrenten Merkels. Doch die Dirigentin wurde am Sonntagabend regelrecht nobilitiert und zur absoluten Maestra gekürt.

Nichts symbolisiert den triumphalen Durchmarsch der Angela Merkel in ihrer Partei so sehr wie dieser Ausweis neuer Unterwürfigkeit. Es war keine Frage der Ehre. Es war eine Frage der Macht. Am Montag wird Angela Merkel offiziell zur Kanzlerkandidatin gekürt. Nun steht sie in Augenhöhe zu Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Merkel und die Macht: Das ist das Thema, das die Union seit fünf Jahren irritiert. Wofür will sie all die Macht? Seitdem die gelernte Physikerin im Jahr 2000 ihre Planquadrate über Ruinen des Parteispendenskandals auslegte, als Generalsekretärin das Trümmerfeld vermaß, dann die CDU-Führung übernahm, ist die 50-Jährige das ungeliebte Lieblingskind der Partei. Nicht, weil die Partei gewusst hätte, zu welchen Ufern die Pastorentochter aus dem Osten die ramponierte Partei leiten würde. Das war den Alten egal. Sondern weil die unverbrauchte Generalsekretärin auf Bundesebene tatsächlich die Einzige war, die unbeschädigt aus den Ruinen der Affäre auferstand. Merkel, die Unbescholtene. Der vorzeigbare Phoenix der Partei, auferstanden aus Ruinen.

Anders als Wolfgang Schäuble und Roland Koch galt sie als unvorbelastet; im Gegensatz zu ihrem jahrelangen politischen Ziehvater Helmut Kohl war sie nicht inkriminiert; im Unterschied zu den meisten der CDU-Ministerpräsidenten obendrein jung, entschlossen und für CDU-Verhältnisse progressiv.

Als Stoiber die Bundestagswahl 2002 in den Elbsand setzte, glaubten nur noch Träumer, die CSU könne Merkel diesmal wieder die Kandidatur abringen. Monate vor der Wahl 2002, als sie Stoiber den Vortritt bei der Kandidatur einräumen musste, wusste sie schon: "Ich bin gestärkt aus dieser Sache hervorgegangen!"

Nur glauben wollte es niemand.

Stattdessen flackerten sie bis in die jüngsten Tage hartnäckig immer wieder auf, jene Friedhofslämplein auf dem vermeintlichen Grab ihrer Kandidatur. Allzu fremd blieb vielen der Gedanke an eine Kanzlerin Merkel. Merkel, die Frau; Merkel, die aus dem Osten; Merkel, die Protestantin; Merkel, die Geschiedene; Merkel, das Fremdgewächs: Weder bei den Altvorderen noch an der Basis ist sie sonderlich beliebt oder wird gar verehrt, geschweige denn geliebt.

Auch Merkels eigenes hartnäckiges Fremdheitsgefühl ist tief in ihr verankert: "Ich habe es 35 Jahre in der früheren DDR erlebt, wenn ich in Budapest oder Prag Westdeutsche getroffen habe, dann haben sie mich netterweise gefragt, ob sie mir einen Kaffee spendieren dürften, und mich ansonsten immer ganz mitleidig angeschaut."

Nichts hat Merkel in den vergangenen Jahren so verletzt wie das böse Ressentiment eines CSU-Politikers, der sie eine "Ostwachtel" schimpfte.

Merkel und die Macht – das ist ein Synonym für: Merkel und ihre Feinde. Merkel, die Lady Macbeth, das männermordende Ungeheuer mit dem großen C vor der Brust. Den Ruf hat sie sich hart erarbeitet. „Ich muss härter werden“ lautet seit 15 Jahren das Ziel ihrer inneren Selbst-Aufrüstung für den Kampf in der – auch: gegen die – Partei.

Schon als junge Ministerin im Kabinett von Kohl stand „dem Mädchen“ glasklar vor Augen, dass sie noch immer in einem fremden Land agierte. Die Unionsherren von der Ostsee bis zum Alpenrand vermissten bei ihr, immer weithin vernehmbar, den „soliden Unterbau“, die „westliche Sozialisation“. Das waren hübsch verpackte Abfuhren: „Die ist keine von uns.“ Das macht wirklich hart.

Das Erstaunliche dabei: Obwohl mit Merkel das ständige Auf und Ab verbunden scheint – sie selbst wird das Desasterjahr 2004 kaum je vergessen – so war sie doch bereits vor mehr als einem Jahrzehnt als Umweltministerin unter Kanzler Kohl die Politikerin Deutschlands mit der steilsten Karriere überhaupt. Von einer blassen Helferin des Demokratischen Aufbruchs war sie nicht nur zur Frauen-, dann Umweltministerin, sondern zur Stellvertreterin des allgewaltigen CDU-Vorsitzenden und Paten der Partei avanciert.

Doch kurz ist das politische Gedächtnis, und nur deshalb ist verständlich, wieso die Zweifler an ihrer Durchsetzungsfähigkeit und ihrem Machtinstinkt ihr so lange den Weg in der Union verbauen wollten, auch als sie längst schon als Vorsitzende ganz oben saß. Ganz oben, das war sie gewiss, aber längst nicht sattelfest, weil ohne Seilschaften. Mittlerweile hat sich die CDU – mehr als die CSU – mit ihrer Frontfrau abgefunden.

Doch ob sie auch auf die Nicht- und Wechselwähler aus den anderen Parteien attraktiv genug wirkt? Ob ihre Aura als zielbewusste Politikerin über ihre eigenen Ambitionen hinausreicht, wird sich jetzt erweisen, da sie und kein anderer die Partei in die Schlacht um die Macht im Bund führt.

Merkel und die Aura der Macht: Auch das ist ein Thema, das die Partei seit jeher skeptisch debattiert. Politische Ausstrahlungskraft hat sie bis heute nicht. Zumindest nicht nach westdeutschem, männlichem Verständnis. Zwar hat sie bereits als Achtjährige, wie sie erzählt, der Großmutter in Templin, DDR, die Namen der westdeutschen Kabinettsmitglieder runterrasseln können und bereits als Fünfjährige akute Symptome der unheilbaren Krankheit Politikleidenschaft – einige würden frühzeitig auftretende Politiksucht diagnostizieren – gezeigt, als sie heimlich Westler-Debatten verfolgte.

Doch als das typische „political animal“ haben sie viele in Deutschland nicht wahrgenommen – oder wahrnehmen wollen. Dazu fehlt ihr auch die eindeutige politische Vision für das Land. Welche Gesellschaft sie sich vorstellt, welche deutsche Identität sie sieht, wie das Land in Europa positioniert ist: Merkel lässt es allzu oft im Ungefähren. „Sozial ist, was Arbeit schafft“, ist noch einer der eindeutigeren Prioritätensetzungen, die sie rhetorisch gewagt hat.

Nun fügt sie sich zunehmend in die Nomenklatura ein. Ihre Zurichtung ist unübersehbar. So unauffällig sie sich früher durch das Publikum schob, so konturenlos, so wenig angreifbar formuliert sie jetzt im Parlament, in Interviews und Reden. Von ihrer früher kessen, witzigen Sprache hat sie, öffentlich zumindest, kaum etwas übrig gelassen. Auch sie ist nun beherrscht von der politischen Einheitssprache vager rhetorischer Versatzstücke.

Ihr aber ist die matte Aura des reproduzierbaren Politikertypus maßgeschneidert. Ihr Erfolgsrezept ist gerade diese Unscheinbarkeit, die den eisernen Willen, das kalte Kalkül und die immense Kraft camoufliert. So und nur so konnte „das Mädchen“ stets so eklatant unterschätzt werden – in ihrer eigenen Partei, in der gesamten Union und auch lange Jahre vom politischen Gegner. Und so rätseln alle noch heute: Wer ist Merkel, wer ist die Politikerin, die als erste Frau Bundeskanzler werden will, aber als Privatperson die Öffentlichkeit scheut?

„Deutschland bekommt mit Merkel als Kanzlerin eine Wundertüte voller Erwartungen und ohne Gewissheiten“, sagt ein Parteifreund, der ihr sogar wohlgesonnen ist. Einem Journalisten hat sie unlängst über sich anvertraut: „Die Schubladen passen alle nicht, in die ich gesteckt werde. Ich bin aber immer schon drin, wenn ich den Mund aufmache.“

Denn sie weiß, was sie tut: Hinter der Unscheinbarkeit stecken Skepsis, Misstrauen und scharfes Taxieren jedem gegenüber, der ihren Weg kreuzt.

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