Karriere-Netzwerk in Frankreich
Auf dem Weg ins Dachgeschoss

Während Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy sein Hilfspaket für Jugendliche mit Migrationshintergrund einführt, haben sich einige bereits selbst geholfen: mit dem Elite-Netzwerk "Club du XXIe Siècle" wollen farbige Franzosen, die auf der Karriereleiter erste Stufen erklommen haben, noch höher hinaus.

PARIS. Sie ist üppig, nackt und schwarz und räkelt sich lasziv an der Wand. Die in Öl gemalte Dame fällt auf in der nüchternen Umgebung. Becher mit sorgfältig einsortierten Stiften stehen in Reih und Glied, daneben liegen Papiere auf akkuraten Stapeln. Das sachliche Mobiliar harmoniert gut mit dem grauen Stück Pariser Himmel hinter dem kleinen Dachfenster.

Der Mann, dem dieses Büro gehört, heißt Chenva Tieu. Mit seinem schlichten Anzug und seiner leisen Stimme will er so gar nicht zu der expressionistischen Schönheit passen, die eingerahmt über seinem Schreibtisch hängt. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit: Der gebürtige Chinese Tieu gehört ebenso wie die gemalte Schwarze zu jener gesellschaftlichen Gruppe, die Franzosen politisch korrekt "sichtbare Minderheit" nennen.

Hat Tieu das Bild deshalb gekauft? Er lacht verblüfft und sagt: "Das ist doch schon viele Jahre her, damals habe ich an solche Dinge noch gar nicht gedacht." Er überlegt kurz: "Vielleicht war das Bild doch eine Art Wegbereiter für mich." Der Weg kann steinig sein für Menschen wie Chenva Tieu, die seit Jahrzehnten zu Hunderttausenden aus Asien, Schwarzafrika oder dem Maghreb nach Frankreich strömen. Als Putzfrau, Kellner oder Straßenfeger gehören sie längst zum Alltag.

Doch in den Büros hinter den schicken Fassaden von Paris sind farbige Gesichter nur selten zu sehen. Im Dachgeschoss der Gesellschaft ist Schluss mit Multikulti. "Im Management der großen Unternehmen, in der Nationalversammlung, in den Medien: Überall fast nur Weiße", sagt Chenva Tieu. Das ärgert ihn, denn schließlich "gibt es in Frankreich längst eine Einwanderer-Elite".

Die findet sich mit ihrem Schattendasein nicht länger ab. "Eine neue Generation tritt auf den Plan, die ehrgeizig und entschlossen an die Spitze strebt", notiert das Nachrichtenmagazin "L?Express". Die gut ausgebildeten Kinder und Enkel der Einwanderer haben erkannt, dass die alte Bourgeoisie gar nicht daran denkt, freiwillig Privilegien abzugeben. Also kämpfen sie, und zwar gemeinsam.

Immer mehr farbige Franzosen schließen sich zu Interessensverbänden zusammen. Chenva Tieu gründete vor vier Jahren mit einigen Mitstreitern den "Club du XXIe Siècle", den erfolgreichsten unter ihnen.

Das Netzwerk ist in Paris die erste Adresse für alle farbigen Franzosen, die auf der Karriereleiter erste Stufen erklommen haben, aber noch höher hinaus wollen. Schon der Name des Clubs zeugt von Ehrgeiz, denn er orientiert sich an einem berühmten Vorbild. "Le Siècle", das Jahrhundert, heißt der vornehmste aller französischen Eliteclubs, in dem sich die Crème de la Crème der Pariser Gesellschaft versammelt. Präsident Nicolas Sarkozy ist ebenso "Siècle"-Mitglied wie Bankier Edouard de Rothschild, EZB -Chef Jean-Claude Trichet, Ex-Renault -Boss Louis Schweitzer, BNP-Paribas -Präsident Michel Pébereau, Ex-Premier Laurent Fabius und Starjournalist David Pujadas. An jedem letzten Mittwoch im Monat diniert der Club im Hotel Crillon an der Place de la Concorde. Dabei wurde schon manches Millionengeschäft gemacht und mancher politische Beschluss verabredet.

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