Katastrophenforscher
Informationspolitik: Aus Tschernobyl nicht viel gelernt

Was wäre, wenn es erneut zu einem weitreichenden Unglück wie der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl kommt? Ein Katastrophenforscher kritisiert das fehlende Gefahren-Bewusstsein der Deutschen und die schlechte Vorbereitung für den Ernstfall.

HB KIEL. Auch 20 Jahre nach dem Tschernobyl-Unglück haben Staat und Atomwirtschaft nach Forschermeinung noch kein schlüssiges Konzept zum raschen Aufklären der Öffentlichkeit im Katastrophenfall. „Es ist eine Chance verpasst worden, eine neue Informationspolitik zu entwickeln“, sagte der Kieler Katastrophenforscher Willi Streitz in einem dpa-Gespräch. „Leute, die die Bevölkerung als vertrauenswürdig ansieht, müssen schnell an die Öffentlichkeit treten.“

Im schlechtesten Fall verbreiteten Medien zuerst falsche Angaben:„Die Chancen der öffentlichen Stellen, nützliche oder für den Selbstschutz relevante Informationen herüberzubringen, sind dann denkbar schlecht.“ Erschwerend sei, dass seit dem verheerenden Reaktorunfall vom 26. April 1986 die Zahl der Radio- und Fernsehkanäle in Deutschland bedeutend gewachsen sei und dadurch der Informationsstrom weitaus schwerer zu lenken sei, sagte Streitz.

Die Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel untersucht mit Umfragen und Studien unter anderem Anforderungen der Bevölkerung: „Es scheint sich abzuzeichnen, dass das Informationsbedürfnis sehr heterogen ist. Zum Teil ist es sehr niedrig. Manche sagen sich sogar: „So genau wollen wir das gar nicht wissen.“

Die Kieler Wissenschaftler arbeiten zugleich an Strategien für den Krisenfall. Am glaubwürdigsten aus Sicht der Normalbürger seien unabhängige Wissenschaftler, sagte Streitz. Er sprach sich für ein Bündnis für ehrliche und umfassende Information aus, bei dem Bürgerinitiativen, Staat und Atomlobby kooperierten. Die Fronten seien aber ideologisch verhärtet. Auf der einen Seite stünden die strikten Nukleargegner. „Auf der anderen Seite ist da die Atomwirtschaft, die nicht müde wird, zu sagen: Unsere Reaktoren sind die sichersten der Welt.“

Bürger und Öffentlichkeit sorgten weder in nennenswertem Maße für einen Unfall in einem Atommeiler vor, noch für eine andere nukleare Katastrophe etwa durch eine „schmutzige Bombe“, sagte der Soziologe. „Der schlechte Zustand der öffentlichen Schutzräume spiegelt die allgemeine Mentalität wider: Die Menschen sind sich der Gefahren nicht bewusst. Wer hat denn schon Nahrungsreserven? Wer hat einen Notfallkoffer – oder auch nur einen nichtelektrischen Dosenöffner?“

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