Kaukaususkrieg
Flucht aus Trümmern

Noch am Dienstagmorgen gingen russische Bomben auf die georgeische Stadt Gori nieder. Wenige Stunden später verkündete Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew das Ende der Kampfhandlungen. Am Leid Tausender Menschen ändert das nichts mehr. Mindestens 100 000 Menschen sind auf der Flucht – und erhöhen den Druck auf Georgiens Präsident Michail Saakaschwili.

GORI. „Als die Bombe einschlug, flog ich in die Ecke und verletzte mich am Arm. Ich rappelte mich auf und schrie nach meiner Frau Leila, damit sie mich und unsere Tochter Nino aus dem zerstörten Haus bringt. Denn ich bin blind. Als wir aus dem Haus waren, lagen da Leichen. Meine Frau erkannte sie als unsere Nachbarinnen Nana und Sofia und zerrte mich weg.“ Altandyr Egekjan steckt der Schreck noch in den Gliedern. Jetzt steht er wieder vor seiner Wohnung und dem zerschossenen Ford-Transit-Bus. Die Frontscheibe ist zerborsten, die anderen Scheiben gingen bei der Explosion der russischen Bombe komplett in Scherben.

Auch am Dienstagmorgen waren wieder russische Bomben auf Gori niedergegangen, das nur 20 Kilometer vom Kampfgebiet Südossetien entfernt liegt. Wenige Stunden später verkündete Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew von russischer Seite die Einstellung der Kampfhandlungen. In der Nacht hatte es noch geheißen, russische Panzer hätten Stalins Geburtsstadt Gori eingenommen und bereiteten den Vorstoß auf die nur noch 62 Kilometer entfernte Hauptstadt Tiflis vor.

Altandyr Egekjan ist ratlos. Er sucht mit seiner Frau die letzten Habseligkeiten zusammen. Zum Leben hat er kaum noch etwas: umgerechnet 20 Euro Invalidenrente und die 60 Euro, die seine Frau pro Monat als Krankenschwester verdient. Wie soll er damit das zerstörte Haus wiederaufbauen und das Auto reparieren lassen?

Während der 43-jährige Egekjan erzählt, schleppt sein Schwager Sasa Sechniaschwili zwei Säcke in den Wagen: In einem ist Bettwäsche, im anderen die Plüschtiere seiner Tochter Nino. „Das ist alles, was wir jetzt noch haben“, sagt Egekjan – und natürlich den Kleinbus. „Wir hatten ihn auf Kredit gekauft, damit Sasa ein bisschen Geld mit Transporten für die Familie verdienen kann.“ Gelohnt habe sich der Wagen aber auf jeden Fall. „Wir sprangen nach dem Bombenangriff alle in den Bus, ein Nachbar kippte Diesel in den Tank und wir rasten davon. Leider konnten wir nicht alle Nachbarn mitnehmen, die sich an den Wagen hängten“, erzählt Egekjan. Nun schlafe er mit dem Schwager und den anderen Männern in dem alten Ford. Platz in der Etagenwohnung entfernter Verwandter in der Hauptstadt Tiflis, wohin sich die Familie gerettet habe, gebe es nur für die Frauen. „Aber wir haben wenigstens noch unser Leben, viele unserer Nachbarn nicht mehr“, meint Egekjan. Immer wieder strengt er seine Ohren an – um zu hören, ob wieder Kampfbomber im Anflug sind.

Eine Tüte Blechgeschirr trägt Schwager Sasa noch aus dem stark verkohlten fünfstöckigen Haus in Gori. Die Zwei-Zimmer-Wohnung ist ein Schlachtfeld: Die Lampenschirme sind zerborsten, die Scherben stecken in den Sesseln. Die Türen sind eingestürzt. Die Schrankwand ist umgestürzt und beschädigt. Davor ein Trümmerfeld aus Porzellan- und Glassplittern – und mittendrin eingerissene Familienbilder.

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