Kernenergie
Israel steht mit seinen Atomplänen nicht allein

Israel möchte ins Nuklearzeitalter einsteigen – ein Vorhaben, dass das Land im Nahen Osten mit einigen umliegenden Staaten verbindet. Doch auch wenn die zivile Nutzung der Kernkraft im Vordergrund steht, die Angst vor der Atombombe hängt als dunkler Schatten über allen Ambitionen.

TEL AVIV. Israel will den steigenden Strombedarf des Landes künftig mit Nuklearenergie decken. Infrastrukturminister Benjamin Ben-Eliezer kündigte an, das seit Jahren diskutierte Vorhaben nun rasch in Angriff zu nehmen. Die Atomkraft solle Israels Abhängigkeit von importierten Energieträgern verringern und zugleich einen Beitrag zur Bekämpfung der Luftverschmutzung leisten, heißt es in Jerusalem. Auch andere Staaten im Nahen und Mittleren Osten denken über einen Einstieg in die Kernkraft nach. Bisher ist allerdings nur in Iran ein Atomkraftwerk im Bau. Obwohl die betreffenden Regierungen aus der Region beteuern, nur an der zivilen Nutzung der Atomenergie interessiert zu sein, warnen politische Beobachter bereits vor einem Rüstungswettlauf.

Selbst wenn die Grundsatzentscheidung bald fällt, wird der geplante israelische 2000-Megawatt-Meiler in der Negev-Wüste frühestens in acht Jahren ans Netz gehen. Israelische Regierungen hatten sich in der Vergangenheit immer schwer damit getan, grünes Licht für die zivile Nutzung der Kernenergie zu geben. Denn in diesem Fall müsste das Land eine Überwachung seiner Nuklearanlagen durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) zulassen. Damit wäre Israel, das den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen nicht unterschrieben hat, aber auch gezwungen, die Geheimnistuerei um sein militärisches Nuklearprogramm aufzugeben. Ausländische Geheimdienste sind sicher, dass Israel bereits mehrere Kernwaffen besitzt, auch wenn die Regierung deren Existenz nie zugegeben hat. Israel werde nicht das erste Land sein, das die Atombombe im Nahen Osten einsetzt, lautet die Klausel, hinter der sich Jerusalem seit Jahrzehnten versteckt. Experten halten es derzeit für unwahrscheinlich, dass Israel dem Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen beitreten wird.

Nicht nur in Israel werden aber Atompläne diskutiert, auch viele andere Staaten im Nahen und Mittleren Osten oder in Nordafrika setzen bei der Energiegewinnung inzwischen auf die atomare Karte. Sie wollen damit nicht nur den steigenden Strombedarf decken, sondern denken auch an den Energiebedarf für die Entsalzung von Meerwasser.

Genau damit hat jüngst etwa Libyen den geplanten Einstieg des Landes ins nukleare Zeitalter begründet. Die Regierungen in Paris und Tripolis haben Ende Juli einen Atomdeal unterschrieben und eine Kooperation bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft vereinbart. Beim geplanten Bau des Meilers zur Meerwasserentsalzung kommt auch deutsche Technik ins Spiel, weil Siemens zu einem Drittel an dem französischen Unternehmen Areva beteiligt ist, das das Kernkraftwerk an Libyen liefern soll.

Jordanien zeigt zwar ebenfalls Interesse an einem Atomreaktor, verfügt aber noch nicht über das Knowhow. Syrien hat seine Atompläne nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgegeben. Dafür hat Ägypten, das bereits zwei Forschungsreaktoren betreibt, Pläne für den Einstieg ins Atomzeitalter angekündigt. Im vergangenen Jahr unterschrieb die Regierung in Kairo ein entsprechendes Kooperationsabkommen mit China. Und auch die Türkei plant den Bau von Atommeilern mit insgesamt 5 000 Megawatt Leistung.

Kandidaten für den Erwerb von Atomreaktoren sind mittelfristig aber vor allem die Staaten am Persischen Golf – trotz ihres Ölreichtums. Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Oman hatten sich im Februar mit der Atomenergiebehörde IAEA auf eine Machbarkeitsstudie für ein regionales Atomprogramm geeinigt, das ebenfalls die Entsalzung von Meerwasser einschließt. Dubai, das bis 2015 mit einer Verdoppelung des Stromverbrauchs rechnet, erwägt zudem eine Energiekooperation mit Iran.

Am weitesten fortgeschritten – aber auch am umstrittensten – sind die atomaren Pläne Irans. Die islamische Republik will binnen drei Jahren die Stromerzeugungskapazität um 6 000 Megawatt aus Kernkraftwerken erhöhen. Die Verdoppelung der Bevölkerung in den vergangenen 20 Jahren und die knapp werdenden Rohstoffe machten eine Diversifizierung der Energieversorgung nötig, erklärt Teheran zur Begründung.

Die internationale Gemeinschaft geht jedoch davon aus, dass Iran unter dem Deckmantel eines zivilen Nuklearprogramms heimlich Atomwaffen entwickelt (siehe „IAEA will in Teheran offene Fragen klären“). Um einen Rüstungswettlauf zu verhindern, haben die USA bereits vorgeschlagen, eine internationale Agentur einzurichten, die interessierte Staaten mit Nuklearbrennstoff versorgen soll. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass atomare Neulinge selbst Uran anreichern und dann irgendwann in der Lage sind, Kernwaffen zu bauen.

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