Kirgistan hat gewählt
Sehnsucht nach einem Neuanfang

Nach der Flucht des gestürzten Präsidenten Bakijew und Unruhen mit 2 000 Toten wählte Kirgistan ein neues Parlament. Das zentralasiatische Land sehnt sich nach einem Neuanfang.
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dpa BISCHEK. Sechs Monate nach dem Sturz des autoritären Präsidenten Kurmanbek Bakijew ist in Kirgistan ohne Zwischenfälle ein neues Parlament gewählt worden. Erstmals entscheide sich ein Land in Zentralasien für eine parlamentarische Demokratie, sagte am Sonntag Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa in der Hauptstadt Bischkek. "Das ist ein historischer Tag." Nach ethnischen Unruhen im Juni mit 2000 Toten stimmten die Menschen unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen über einen politischen Neuanfang ab.

Die Wahllokale schlossen um 16.00 Uhr MESZ. Erste Ergebnisse sollten am späten Abend vorliegen.

In der südlichen Stadt Osch, die von den blutigen Unruhen zwischen Usbeken und Kirgisen besonders stark getroffen worden war, wählten die Menschen unter dem Schutz schwer bewaffneter Sicherheitskräfte.

Einige Wähler sagten unter Tränen, dass sie sich nach dem "Krieg" nun einen friedlichen Neubeginn wünschten. Die rund 2,8 Millionen Wahlberechtigten konnten unter 29 Parteien wählen - so viele wie nie in der Geschichte dieser Ex-Sowjetrepublik an der Grenze zu China.

Als Favoriten galten die im April am Sturz Bakijews beteiligten Kräfte. Damals hatte es im Norden des Landes einen blutigen Volksaufstand gegeben. Bakijew lebt heute im Exil in Weißrussland.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatte hunderte Wahlbeobachter in Kirgistan. Sie bezeichneten die Atmosphäre als frei und demokratisch. Auch Otunbajewa sprach bei ihrer Stimmabgabe von einer transparenten Abstimmung. Es zeichne sich ab, dass nach der Wahl sowohl regierungstreue als auch oppositionelle Parteien in das Parlament in Bischkek mit seinen 120 Sitzen einziehen würden, sagte die Übergangspräsidentin. "Ich begrüße diese Vielfalt."

Sollten aber die Koalitionsgespräche platzen, werde sie Neuwahlen ausschreiben, drohte sie. "Ich bin sicher, dass sich die im Parlament vertretenden Parteien ihrer Verantwortung bewusst sein werden."

Bis zum Mittag hätten mehr als 40 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, teilte die Wahlleitung in Bischkek mit. Der von Russland favorisierte frühere Regierungschef Felix Kulow kündigte eigene Kontrollen durch die Oppositionsparteien an. "Wir werden insbesondere prüfen, ob einzelne Bürger nicht mehrfach gewählt haben", sagte Kulow nach seiner Stimmabgabe. Kirgistan mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern kommt auch wegen seiner Nähe zu Afghanistan geostrategische Bedeutung zu. So unterhalten sowohl Russland als auch die USA in der veramten Republik wichtige Militärbasen. Die Stimmung zwischen Kirgisen und Usbeken gilt weiter als angespannt.

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