Klimapolitik
Hoffnung auf Alleingang der westlichen Länder

Kurz vor dem Klimagipfel in Kopenhagen ist klar: Ein verbindliches Abkommen wird es nicht geben. Die USA und Europa sollen dennoch aktiv werden, fordern Wissenschaftler. Einer Studie zufolge würde sich der rechtzeitige Einstieg in umfassenden Klimaschutz für Europa sogar im Alleingang bezahlt machen.
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BERLIN. Die Angst vor einem Scheitern des Weltklimagipfels in Kopenhagen ruft die Wissenschaft auf den Plan. Forscher appellieren an die Industriestaaten, Klimaschutz auch dann engagiert zu betreiben, wenn der Gipfel nicht den erhofften Erfolg bringt. „Amerikaner und Europäer müssen unabhängig vom Ergebnis des Gipfels in Kopenhagen vorangehen. Ihnen wird daraus kein Schaden erwachsen. Im Gegenteil: Langfristig erhöhen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit“, sagte Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und einer der führenden Köpfe im Weltklimarat (IPCC), dem Handelsblatt.

In den vergangenen Tagen sind die Erwartungen an den Kopenhagener Gipfel erheblich gesunken. Die dänische Regierung, Gastgeberin des Treffens im Dezember, hatte am Wochenende eingeräumt, ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen könne nicht mehr erzielt werden. Die Bemühungen seien am Widerstand zahlreicher Länder gescheitert, sagte Premier Lars Løkke Rasmussen. Rasmussen war überraschend zum Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforum (Apec) nach Singapur geflogen und hatte dort für einen Minimalkonsens geworben: eine fünf- bis achtseitige politische Erklärung, der später ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag folgen soll. Dafür holte er sich in Singapur bereits die Zustimmung der beiden größten Klimasünder der Welt: der USA und Chinas.

Investitionen dringend erforderlich

Klimaexperte Edenhofer ist davon überzeugt, dass sich nachlassender Eifer beim Klimaschutz rächen würde: „Wenn die Industriestaaten nicht jetzt umschwenken, werden wichtige und zukunftsweisende Investitionen unterbleiben“, sagte Edenhofer. Es lohne sich für die Europäer und auch für die USA daher, konsequent auf Klimaschutz zu setzen. Edenhofer beruft sich auf aktuelle Untersuchungen. Eine gemeinsame Studie des PIK und vier weiterer europäischer Forschungsinstitute, erstellt mit Unterstützung des Versicherungskonzerns Allianz und der Umweltstiftung WWF, kommt zu dem Ergebnis, dass sich für Europa der rechtzeitige Einstieg in umfassenden Klimaschutz sogar im Alleingang bezahlt machen würde.

Allerdings ist Eile geboten: Wird das nächste Jahrzehnt nicht genutzt, steigen der Studie zufolge nicht nur die CO2-Minderungskosten erheblich. Die Chance, die gefährlichen Folgen des Klimawandels noch aufhalten zu können, sinkt deutlich. Nach 2020 schließt sich das Handlungsfenster für ambitionierten Klimaschutz ganz. Die Autoren der Studie fordern verlässliche Rahmenbedingungen, um zügig und ausreichend Anreize für die notwendigen Investitionen in neue Technologien, aber auch für Forschung und die Transferleistungen für Schwellenländer zu setzen. Allein für einen kostenoptimierten Umbau des Energiesektors müssten laut Studie bis 2030 die Investitionen in emissionsarme Technologien auf jährlich 400 bis 1 000 Mrd. Dollar steigen. Der überwiegende Teil müsste von den Finanzmärkten und der Industrie bereitgestellt werden.

PIK-Forscher Edenhofer weist die Kritik zurück, einzelne Branchen gehörten beim Thema Klimaschutz zu den Verlierern. „Dieses Problem wird maßlos übertrieben“, sagte er. Lediglich die Aluminium- und die Stahlindustrie seien wirklich betroffen. In allen anderen Fällen seien die Folgen leichter verkraftbar.

Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr

Seit Jahren kritisieren verschiedene Branchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit sei durch die Klimaschutzbemühungen der Politik gefährdet. Tatsächlich verteuert insbesondere der Emissionshandel als das wichtigste Instrument zur Reduktion von Treibhausgasemissionen bestimmte Produkte. Besonders gravierend sind die Folgen für Prozesse, die viel Strom benötigen – etwa in der Aluminium-, Stahl- oder Zementindustrie, aber auch bei der Papier- und Glasherstellung. Die Stromkosten der Unternehmen sind mit der Einführung des europäischen Emissionshandels stark gestiegen, weil die Energiekonzerne für die Stromproduktion in fossilen Kraftwerken Emissionszertifikate nachweisen müssen. Die Kosten für die Zertifikate stellen sie ihren Abnehmern in Rechnung. Die betroffenen Branchen argumentieren, ihre Produkte seien wegen der gestiegenen Kosten international nicht mehr wettbewerbsfähig. Einige Unternehmen erwägen, die Produktion in Länder zu verlagern, in denen es keinen Emissionshandel gibt.

Langfristig müsse genau aus diesem Grund eine weltweite Vereinbarung getroffen werden, so dass Wettbewerbsverzerrungen ausgeschlossen seien, sagte Edenhofer. Der Forscher sieht großes Potenzial für klimafreundliche Investitionen: „Am wichtigsten ist der Umbau des Stromerzeugungssektors.“ Der Emissionshandel sei dabei das wirkungsvollste Instrument, sagte der Chefökonom des PIK. „Er ist der Garant dafür, dass wir die Emissionen tatsächlich reduzieren – und zwar zu den niedrigsten Kosten.“

Der Forscher misst der Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid bei der Stromproduktion („Carbon Capture and Storage“, kurz CCS) eine tragende Rolle bei. Ohne die CCS-Technologie lasse sich eine Dekarbonisierung, also ein Wirtschaften mit immer geringeren CO2-Emissionen, nicht erreichen. Das Thema CCS steht in der Praxis allerdings gerade in Deutschland vor hohen Hürden. Der alten Bundesregierung war es nicht gelungen, den Rechtsrahmen für CCS zu setzen. Die neue Regierung muss das Thema in den kommenden Wochen erneut auf die Tagesordnung setzen.

Der Potsdamer Wissenschaftler räumte ein, seine Überlegungen zum Thema CCS seien „von einem gewissen Optimismus getragen“. CCS müsse aber in jedem Fall weiter erforscht werden, auch wenn es nicht der einzige Schlüssel zur Dekarbonisierung der Energieerzeugung sei. Eine wichtige Rolle spielten auch die erneuerbaren Energien, so Edenhofer. Außerdem könne auch die Kernenergie „zumindest für einen Übergangszeitraum von Bedeutung sein“.

Der Klimaexperte appelliert an die Politik, das Emissionshandelssystem zu erweitern. Er rate dringend dazu, den Transportsektor in das System einzubeziehen. „Dieser Sektor ist absolut entscheidend. Mit dem Einsatz von Biokraftstoffen der zweiten Generation und Elektromobilität lassen sich große Fortschritte erzielen.“ Am Ende müssten aber neben der Industrie, der Stromerzeugung und dem Verkehr auch Landwirtschaft, Privathaushalte und Gewerbe einbezogen werden.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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