Kommentar
Die Alliierten zahlten einen hohen Blutzoll

Der „Global War on Terror“ scheint das Geschäft mit der Gewalt schwerer gemacht zu haben. Doch die Kriege im Irak und in Afghanistan haben gleichzeitig eine erschreckende Bilanz hinterlassen.
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Wie ist es um den „Global War on Terror“ – kurz GWOT – bestellt, den der ehemalige US-Präsident George W. Bush vor zehn Jahren ausgerufen hat? Über das Wörtchen „Krieg“ haben sich Amerika-Kritiker gern echauffiert; der sei ein „moderner Kreuzzug“, klagt zum Beispiel der deutsch-iranische Publizist Bahman Nirumand.

Tatsächlich ist der GWOT weder Kreuzzug noch Krieg, sondern etwas Neues in der Geschichte. Er ist einerseits „Nicht-Krieg mit militärischen Mitteln“, mit Drohnen und Spezialkräften. Andererseits ist er eine banale Mischung aus Polizei- und Geheimdienstarbeit, verstärkt durch den Kollegen Computer, der sich durch Millionen von E-Mails, Überweisungen und Abhörprotokollen wühlt. Anders als jeder „richtige“ Krieg läuft diese weltweite Aktion hauptsächlich im Dunkeln ab. „Weltweit“ heißt, dass Dutzende von Staaten mitmachen – selbst solche wie Russland, die Amerika nicht unbedingt gewogen sind.

Deshalb merkt man kaum, wie erfolgreich die Kampagne jenseits der Schlagzeilen ist. Hinter der spektakulären Tötung von El-Kaida-Chef Osama Bin Laden stand jahrelange Kleinarbeit im Verborgenen. Die Drohnen, die seine Gefolgsleute in Pakistan umbringen, sind ebenfalls nur der jeweils letzte Schritt. Über die verhinderten Terroranschläge reden die Dienste nicht (obwohl sie sich damit gern brüsten würden). Aber man ahnt es. Der letzte Angriff auf Amerika fand vor genau zehn Jahren statt. Madrid und London liegen sieben und sechs Jahre zurück.

Daraus darf man schließen, dass das Terrorgeschäft nicht mehr so einfach ist wie in den Neunzigern. Schon 1993 ging eine Bombe im World Trade Center hoch: sechs Tote, 1000 Verletzte. 1996 wurden 19 US-Soldaten in ihrem Wohnhaus im saudischen Dharan umgebracht. Zwei Jahre später vernichteten Autobomben vor US-Botschaften in Kenia und Tansania 224 Menschenleben. Am Ende des Jahrzehnts attackierte El Kaida sogar einen amerikanischen Zerstörer in Hafen von Aden: 17 Tote.

In dem Maße, wie Angriffe auf amerikanische und europäische Ziele nachließen, schwollen sie außerhalb des Westens an. Doch diese Schreckensmeldungen sind, wenn man so will, ein Beweis für die Effektivität der Abwehr. Wie in einem richtigen Krieg versucht der scheiternde Angreifer sein Glück an einer anderen Front. Nur sollte El Kaida hier einen tödlichen Fehler begehen.

Die Psychologie hat einen Ausdruck dafür: „Autoaggression“. Aymad al-Zawahiri, die Nummer zwei von El Kaida, hatte kurz vor „9/11“ eine Doppelstrategie vorgelegt: einmal gegen die „Abtrünnigen“ daheim, zum zweiten gegen „Juden und Kreuzzügler“ im Äußeren. Der Hauptangriffskeil richtete sich danach gegen die Untreuen im eigenen Lager – Aggression nach innen. Der „Clash of Civilizations“ wurde zum Binnenkrieg.

Ende 2003 wurden 17 Muslime in einem Wohnblock in Riad ermordet. Der Anschlag provozierte eine mörderische Reaktion durch die Sicherheitskräfte. Zwei Jahre später war El Kaida in Saudi-Arabien erledigt. Danach mischte sie sich in den irakischen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten ein. Auf dem Höhepunkt 2005 bis 2007 kamen an die 30 000 Zivilisten um. Pro Tag waren es bis zu 70, die von Selbstmord- und Autobomben sowie durch Waffengewalt getötet wurden.

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  • eine ehemalige U.S Präsident bemerkte mal, dass die USA das gesamte arabische Lager als Freund hätten, wenn man das Kriegsgeld für "Entwicklungshilfe" ausgegeben hätte

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