Kommentar
Stunde Null in Athen

Der Premier fährt ein überraschendes Manöver. Jetzt werden die Karrten neu gemischt, denn ein „Ja“ der Griechen ist fraglich. Eine Zitterpartie beginnt, die im Finanzcrash enden kann.
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AthenGerade erst schien Griechenland gerettet – ein wenig jedenfalls: der Schuldenschnitt, auf den sich die EU-Staats- und Regierungschefs am vergangenen Mittwoch einigten, versprach dem krisengeschüttelten Land zumindest eine Atempause. Da stößt Premierminister Giorgos Papandreou plötzlich alles um: in einer Sitzung seiner sozialistischen Regierungsfraktion kündigte der Regierungschef am Montagabend völlig überraschend an, dass er die EU-Gipfelbeschlüsse, denen er selbst erst vor fünf  Tagen zugestimmt hat, nun zur Volksabstimmung stellen will.

Die Ankündigung schlug in Athen ein wie eine Bombe. Die Kommentatoren waren zunächst ratlos. Und auch Papandreous EU-Partner, die öffentlichen Gläubiger des Landes, und die Investoren, die Papandreou seit Monaten umwirbt, werden konsterniert und empört sein: Was ist das Wort des griechischen Premiers noch wert? Kann man Papandreou überhaupt noch trauen? Vieles spricht dafür, dass es das, was Papandreou zur Volksabstimmung stellen will, die Beschlüsse des EU-Gipfels der vergangenen Woche, jetzt in sich zusammenbrechen.

Unterdessen fragt man sich in Athen: Was bezweckt der Regierungschef mit diesem Manöver? Das Volk sei der Souverän, es müsse in einer „historischen Stunde“ wie dieser unmittelbar und selbst entscheiden, begründete der Premier seine Entscheidung. „Wir vertrauen den Bürgern, wir glauben an ihr Urteilsvermögen“, sagte Papandreou. Wie die Frage, auf die Griechenlands Wähler mit Ja oder Nein antworten sollen, formuliert sein soll, verriet der Premier noch nicht.

Auch den Zeitpunkt der Abstimmung ließ der Premier offen. Aber wenn es wirklich darum gehen sollte, den Schuldenschnitt vom Volk absegnen zu lassen, kann Papandreou nicht darauf hoffen, dass die Griechen zustimmen. Denn sie wissen: der Haircut wird mit neuen, noch härteren Sparmaßnahmen verbunden sein. Dabei stöhnen die Menschen jetzt unter dem Sparkurs der Regierung. Die Wirtschaft rutscht immer tiefer in die Rezession, immer mehr Jobs gehen verloren. Nach einer gestern veröffentlichten Meldung von Eurostat erreichte die Arbeitslosenquote im Juli 17,6 Prozent. In der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren sind schon mehr als 40 Prozent der Griechen ohne Arbeit.

Die Hoffnung, Griechenlands Wirtschaft werde im nächsten Jahr wieder zum Wachstum zurückkehren, hat sich bereits zerschlagen. Frühestens 2013 erwarten die Volkswirte ein Ende der Rezession. Sollte Papandreou wirklich erwarten, dass die Griechen unter diesen düsteren Vorzeichen dem Schuldenschnitt und weiteren Sparmaßnahmen grünes Licht geben, hätte er wohl jeden Realitätssinn verloren. Erst diesen Monat zeigte ein Meinungsumfrage: 85 Prozent sehen das Land „auf dem falschen Weg“, 92 Prozent sind mit der Regierung unzufrieden.

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  • In einer Familie könnten nie alle gleich Stark werden(die Familie insgesamt doch), wird das zu einen bestrebenswerten Zielzustand(die Stärke)so darf nicht vergessen werden das die werte dieser Familie sie zusammenhalten.

  • Bei Homer heißt es:"Vertraut den Griechen nicht, selbst wenn sie Geschenke bringen." Nun muss es wohl heißen:"Vertraut den Griechen nicht, selbst wenn sie Geschenke erhalten."

  • Weitere Sparmaßnahmen gegen den Willen des eigenen Volkes durchzusetzen, schafft weder Vertrauen bei den Investoren noch ist es eine nachhaltige demokratische Führungsmethode. Das Volk zu beteiligen, es sozusagen auf dem schweren Weg mitzunehmen ist eine besonders kluge Entscheidung und beweist Führungsfähigkeit. Es gibt doch letztendlich nur zwei Wege. Entweder die Mehrheit zieht sich an einem Strang gemeinsam aus dem Dreck oder die Uneinigkeit führt zum Ruin Griechenlands. Alle Achtung, genau dieser Schritt wird Vertrauen schaffen und hoffentlich den Bankrott verhindern.

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