Kommentar
Was Europa von China lernen könnte

China gibt nach außen ein einiges Bild - anders als Europa. Das ist nicht das Einzige, was die EU vom asiatischen Riesen lernen könnte. Warum es für geliehenes Geld keine Sicherheiten gibt, versteht kaum ein Chinese.

PekingWie erklär ich's den Nachbarn? Das frage ich mich dieser Tage in Peking. Denn je weiter weg man wohnt, desto absurder wirkt das europäische Theater, besonders das deutsche: Bonds oder Gold? Euro oder D-Mark? Investieren oder sparen? Ein Europa oder zwei?

Manche Fragen, die mir meine chinesischen Freunde beim Bier stellen, klingen vernünftiger: Warum halten die Europäer eigentlich nicht zusammen? Und: Warum verlangen sie keine Sicherheiten, wenn sie sich untereinander Geld leihen? Die Fragen sind widersprüchlich. Doch gerade deshalb bringen sie das europäische Dilemma auf den Punkt: Denn die sparsamen, reichen Länder wollen nicht unbegrenzt für die verschuldeten Verschwender zahlen. Also sagen sie: "Nur einmal noch gibt's Taschengeld. Nun musst du aber sparsam sein und das Geld bitte auch zurückzahlen." Die Müßiggänger machen sich trotzdem keine großen Sorgen: Alle Welt wettet zwar schon darauf, dass es doch nicht reicht, und leihen ihnen nur noch Geld gegen hohe Zinsen. Doch darüber können sie bei ihren finanzkräftigeren Verwandten jammern. Um die Ehre der Familie zu retten, gibt es dann einen Nachschlag. So geht das immer weiter, bis die Pfründen der murrenden Tante verbraucht sind oder die Familie auseinanderfliegt. Ach Europa! So schön, aber so doof, finden meine Pekinger Freunde.

Die nüchternen Chinesen lösen das Problem anders. Wenn man sich die nordchinesischen Hofhäuser anschaut, wird offensichtlich wie. Sie haben keine Fenster nach außen, sondern nur eine Tür. Alle Fenster gehen zum Innenhof - ohne Gardinen. Genauso funktionieren die traditionellen Familien. Nach außen zeigen sie Geschlossenheit, nach innen wird auf Heller und Pfennig abgerechnet. Und so funktioniert auch der chinesische Staat.
Was können wir Europäer daraus lernen? Wir brauchen eine Kombination aus Euro-Bonds und Sicherheiten. Nach außen ist es wichtig, dass Europa mit einem einheitlichen Zinssatz auftritt, um sich Geld zu leihen. Denn nur, wenn Europa gemeinsam haftet, können die Finanzmärkte nicht ein Land gegen das andere ausspielen. Untereinander sollten die europäischen Länder sich also nach dem Prinzip der Pfandleihe organisieren, nach dem jede Bank arbeitet. Es wird den Schwachen gerne geholfen, aber nicht bedingungslos. Wer Geld braucht, muss Sicherheiten geben. Wälder, Mautstraßen, Häfen, Eisenbahnnetze und von mir aus auch Gold. Das wird allerdings nicht reichen.

Die Vermögenswerte werden zu einem gutmütigen Zins unter europäische Verwaltung gestellt. Damit haben die Schuldner einen Anreiz, sich anzustrengen, und die Gläubiger endlich Sicherheiten. Euro-Bonds und Pfandleihe-Prinzip funktionieren allerdings nur gemeinsam. Kommen die Euro-Bonds allein, plündern die armen Länder die reichen weiter aus. Wird als Kompromiss nur das Pfandleihe-Prinzip eingeführt, spielen die Starken die Schwachen weiter gegeneinander aus.

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