Längere Arbeitszeiten
Wider das Recht auf Faulheit

Frankreichs Superministerin Christine Lagarde kämpft gegen die 35-Stunden-Woche und für längere Arbeitszeiten: Energisch und forsch widmet sich die Powerfrau dem ersten wirtschaftspolitischen Prestigeprojekt der Regierung Sarkozy – dem Kampf gegen die Faulheit. Doch ihr Vorgehen stößt zunehmend auf Widerstand.

PARIS. Die Ministerin runzelt die braungebrannte Stirn. „Der Unterschied muss ganz unten zu sehen sein“, murmelt sie und fährt mit dem Zeigefinger über die Zahlen auf den beiden Zetteln, die sie in der Hand hält. Schließlich hat sie gefunden, was sie sucht. „Damien, Sie haben netto 58,50 Euro mehr verdient als im Vormonat. Das ist doch ganz gut oder?“ fragt sie. Damien weiß nicht recht, was er sagen soll. Der schlaksige junge Mann in grauer Arbeitskluft schaut angestrengt zu Boden, nickt kaum merklich, nimmt seine Gehaltsabrechnung für Oktober in Empfang und verschwindet eiligst.

Der schüchterne Elektriker flüchtet vor Christine Lagarde, und auch anderen flößt sie eine ganze Menge Respekt ein. Das hat mit ihrem Amt zu tun und auch mit ihrer Körpergröße. Die hoch gewachsene französische Superministerin für Wirtschaft, Finanzen und Arbeit schaut in der Regel mühelos auf die Menschen in ihrer Umgebung hinab.

So ist es auch an diesem Morgen im Industriegebiet des Provinzstädtchens Les Mureaux, 40 Kilometer westlich von Paris. Christine Lagarde besucht einen mittelständischen Handwerksbetrieb. Dessen rundlichen Chef überragt die gertenschlanke Ministerin locker um zwei Köpfe. Gerade wie ein Lineal steht die einstige Leistungssportlerin neben dem Patron, sehr elegant sieht sie aus in ihrer Chanel-Jacke, die farblich perfekt zum eisgrauen Haar passt.

Der Patron sagt: „Es ist praktisch, dass Überstunden gefördert werden, denn wir finden nicht genügend neues Personal.“ Da erstrahlt das disziplinierte Lächeln der Ministerin plötzlich ganz hell.

Das Lob des Unternehmers gilt dem ersten wirtschaftspolitischen Prestigeprojekt der neuen französischen Regierung. „Die Franzosen sollen mehr arbeiten und mehr verdienen“, wünscht Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Wer über die gesetzliche 35-Stunden-Woche hinaus länger schafft, darf deshalb seit dem 1. Oktober die Überstundenzuschläge sozialabgaben- und steuerfrei kassieren. Den Staat wird diese Regelung mindestens sechs Milliarden Euro jährlich kosten. Lohnt sich der gewaltige Aufwand? Christine Lagarde ist ins Provinzstädtchen Les Mureaux gefahren, um das vor Ort zu prüfen.

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